Sorge vor Kurskorrektur am Aktienmarkt
Noch keine Entwarnung für das Finanzsystem

Zuerst die gute Nachricht: Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds hat sich die Lage an den weltweiten Kapitalmärkten in den vergangenen Monaten deutlich stabilisiert.

FRANKFURT/M. Das Finanzsystem habe sich von den Kurseinbrüchen am Aktienmarkt, den Bilanzskandalen und den politischen Unsicherheiten seit März erstaunlich gut erholt.

Doch das heißt noch lange nicht, dass sich Notenbanker, Finanzminister und Bankvorstände auf der IWF-Tagung in Dubai entspannt zurücklehnen können. Denn die Kapitalmarktabteilung des Währungsfonds unter Führung des Deutschen Gerd Häusler sieht trotz der besseren Stimmung an den Märkten nach wie vor erhebliche Risiken für den Finanzsektor. Vor allem zwei Szenarien machen den Experten Sorgen: schnell steigende Renditen am Rentenmarkt und eine scharfe Korrektur an den Aktienbörsen.

Sollten die Ergebnisse der Unternehmen im dritten Quartal die hoch gesteckten Erwartungen der Investoren enttäuschen, drohe im schlimmsten Fall ein Ausverkauf an den Aktienbörsen, der den Finanzsektor weltweit schwächen könnte. Allerdings hätten die oft besser als erwarteten Konzernergebnisse im zweiten Quartal gezeigt, dass nicht unbedingt mit Enttäuschungen zu rechnen sei.

Nach Meinung von Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, ist das bedrohliche Szenario aber möglich. Seiner Meinung nach sind beispielsweise die deutschen Aktien bereits jetzt "klar überbewertet". Die Entwicklung habe nichts mehr mit der wirtschaftlichen Situation der Unternehmen zu tun, die sich kaum verbessert habe, warnt er. Investoren suchten angesichts der niedrigen Zinsen verzweifelt nach Anlagemöglichkeiten. Da es keine interessanten Alternativen gebe, investierten sie eben in Aktien. Hier sieht auch der IWF eine Gefahr: Es gelte zu verhindern, dass die derzeit hohe Liquidität der Investoren einseitig in bestimmte Anlageformen fließe und damit das Finanzsystem in Schieflage bringt.

Als weiteres Risiko nennt der Fonds die seit Mitte Juni weltweit deutlich gestiegenen Renditen und den damit verbundenen Kursverfall für Staatsanleihen. Grundsätzlich seien die anziehenden Renditen zwar ein gutes Zeichen für die Weltwirtschaft, dennoch berge ein allzu abrupter Zinsanstieg Gefahren. Zu den teilweise empfindlichen Verlusten in den Anleihe-Portfolios der Investoren kämen negative Folgen für die Immobilienmärkte und die Konsumausgaben, vor allem in den USA. Dies gelte besonders dann, wenn das Wachstum nicht entsprechend stark sei und die Haushaltsdefizite weiter wüchsen. Das gäbe den Zinsen zusätzlich Auftrieb und verstärke die Inflationsgefahr. "Es ist an der Zeit, die Defizite zurückzuführen", fordert Häusler mit Blick auf die erwartete Konjunkturerholung.

Die in Dubai versammelten Spitzen der Finanzwelt werden sich auch mit einem weiteren Stabilitätsthema auseinander setzen müssen, das in den vorigen Wochen einen empfindlichen Rückschlag erlitten hat. Es wird immer wahrscheinlicher, dass sich die Einführung der unter dem Namen Basel II bekannten neuen Eigenkapitalregeln für Banken um mindestens ein Jahr verschieben. Grund dafür sind vor allem Bedenken der Amerikaner. In Deutschland und Europa sorgen sich Finanzpolitiker, Notenbanker und Bankenaufseher, dass der US-Kongress das mühsam geschnürte Kompromisspaket wieder aufschnürt. Basel II soll die bisher gültigen Regeln aus dem Jahr 1998 ersetzen, die als veraltet gelten. Insbesondere soll die Höhe des Kapitals, das die Banken aus Sicherheitsgründen für einen vergebenen Kredit vorhalten müssen, stärker von der Ausfallwahrscheinlichkeit der Darlehen abhängen.

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