Sorge vor weiterem Kursverfall
Börsenkrise lähmt Privatanleger

Die ehemals aktienbegeisterten deutschen Privatanleger haben nach Einschätzung von Börsianern den Fall des Deutschen Aktienindex (Dax) unter die wichtige Marke von 3000 Punkten nur noch teilnahmslos hingenommen.

Reuters FRANKFURT. Damit erreichte der Dax am Freitag das Niveau von Anfang 1997, als auf den Börsengang der Deutschen Telekom ein beispieloser Aktien-Boom folgte.

"Meine Kunden reagieren in der Mehrzahl weder mit Panikverkäufen noch mit antizyklischen Käufen auf den Crash. Sie schauen nur zu", skizzierte Thilo Bock, Anlageberater bei der Volksbank, die Stimmung bei den Kleinanlegern. Die von der so genannten Volksaktie der Telekom entfachte Begeisterung für Anteilsscheine hatte den Dax im März 2000 auf über 8000 Punkte steigen lassen. Ernüchterung über die Möglichkeiten der Internetwirtschaft und Bilanzskandale wie beim US-Energiehändler Enron ließen die Kurse wieder abstürzen. Heute sind selbst konservativere Anlagen schwer zu vermitteln. "Alles was nach Markt riecht, wird nicht gerne angefasst", sagte Bock. Angesichts der rückläufigen Zahl von Aktionären in Deutschland wird nun der Ruf nach dem Gesetzgeber laut.

Das endgültige Platzen der durch die Telekom - und Internetbegeisterung geschürten Blase beim Dax und am Neuen Markt dürfte viele Privatanleger mit defizitären Aktiendepots zurückgelassen haben. Wer Ende 1996 Telekom-Aktien für 14,32 Euro zeichnete, muss derzeit mit einer Einbuße von rund 32 Prozent leben. Aber auch vermeintlich sichere Aktienanlagen entpuppten sich als Bumerang. So notiert auch die Allianz-Aktie 30 Prozent unter ihren Kurs vom Dezember 1996. Noch krasser sieht die Lage bei Investitionen am Neuen Markt aus. Der Auswahlindex dieses Wachstumssegmentes notierte am Freitag mit 395 Punkten mehr als 95 Prozent unter seiner Topnotierung von 9 665 Zählern. Der Dax fiel am Freitagmorgen erstmals seit über fünf Jahren unter die Marke von 3 000 Punkten, notierte am Nachmittag aber wieder knapp darüber.

Irak-Krise bleibt Damoklesschwert

Die Sorgen vor den wirtschaftlichen Folgen eines drohenden Militärschlags gegen Irak haben in den vergangenen Wochen die seit Frühjahr 2000 anhaltende Talfahrt an den Börsen noch beschleunigt und hängen wie ein Damoklesschwert über den Aktienmärkten. Äußerungen von ratlosen Börsianern dazu haben mittlerweile den Charakter von Durchhalteparolen. "Fazit: Der Irak ist der große Störpunkt. Aber alles Jammern hilft nichts - es muss weiter gehen", hieß es in einem Frankfurter Börsenbrief.

Private glauben nicht mehr an so genannte "Einstiegskurse"

Die Unlust der Privaten, sich am Markt wieder zu engagieren, ist für Gianni Hirschmüller, der für das Forschungsinstitut cognitrend regelmäßig der Stimmung der Kleinanleger am Neuen Markt nachspürt, trotz der gesunken Bewertung der Aktien keine Überraschung. "Die haben bei 2000, 1000, 800 oder 600 Punkten im Nemax 50 gehört, dass der Markt jetzt billig ist und sind zu oft enttäuscht worden. Das ist schon lange kein Grund mehr einzusteigen", sagte der Marktforscher. Derzeit dominiere die Sorge vor einem weiteren Kursverfall. Wahrscheinlich würden sich die Kleinanleger erst wieder in großen Zahlen an der Börse Blicken lassen, wenn die Erholung schon fast wieder vorbei sei, sagte Bock.

Die Zahl der Aktionäre in Deutschland ist seit den Kurshöchstständen an den Aktienmärkten wieder rückläufig. So hielten nach Daten des Deutsche Aktieninstituts (DAI) Ende Juni 2002 noch 18 Prozent der Deutschen Dividendenpapiere, im Jahr zuvor waren es 21 Prozent. Rüdiger von Rosen, Chef des DAI, das sich der Förderung der Aktienkultur in Deutschland verschrieben hat, fordert nach den Skandalen vor allem am Neuen Markt seit langem schärfere Sanktionen beim Fehlverhalten von Managern, um das Vertrauen der Anleger in die Kapitalmärkte wieder herzustellen.

"Für die Finanzierung der Unternehmen und die kapitalgedeckte Altersvorsorge ist die Aktie zu wichtig", sagte von Rosen. Zwar könne man das Vertrauen in die Aktie nicht verordnen, aber er werde nach der Bundestagswahl in einen Dialog mit der Bundesregierung über eine "Revitalisierung der Aktie" in Deutschland eintreten.

Das DAI wird vor allem von Verbänden und börsennotierten Unternehmen getragen.

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