Sorgen um europäischen Bilanzskandal belasten den Markt
Angst lastet auf dem deutschen Aktienmarkt

Ist die Welle der Bilanzskandale jetzt von den USA nach Europa herübergeschwappt? "Diese Frage beschäftigt jeden, und darum wird jede Aktie heruntergeprügelt, bei der irgendwann mal offene Bilanzfragen auftauchten", sagte gestern ein Händler bei HSBC Trinkaus in Düsseldorf.

FRANKFURT/M. Dieser Trend belastete den Gesamtmarkt. Der Deutsche Aktienindex (Dax) verlor stetig und brach bis zum Abend um 3,9 % auf 4 195 Punkte ein. Der MDax für mittelgroße Titel verlor 1,5 %.

Grund für die erneute Hetzjagd auf echte und vermeintliche Bilanzschummler: Die französische Zeitung Le Monde berichtete vorab über geschönte Zahlen beim Mischkonzern Vivendi Universal. Die Aktie stürzte daraufhin brutal ab - und zog alles mit, worauf auch nur der kleinste Verdacht von Bilanzmanipulation lastet.

Dazu gehört seit Monaten der Finanzdienstleister MLP. Dessen Aktie verlor im Verlauf fast 5 %. Fast 9 % abwärts ging es für WCM. Das im MDax notierte Wohnungs- und Beteiligungsunternehmen hatte sich kürzlich erfolgreich gegen den Vorwurf der Undurchsichtigkeit gewehrt. Doch das interessierte die Investoren gestern nicht mehr. "Neue Nachrichten gibt es keine", sagte der HSBC-Händler. Die Jagd auf Bilanzsünder sei momentan einfach "das beliebteste Spiel am Markt".

Zu den Schlusslichtern im Dax zählten gestern die beiden einstigen Siemens-Töchter Infineon und Epcos. Auch die Siemens-Aktie selbst verlor deutlich. "Im Halbleiter-Bereich sind die Aussichten wieder schlechter und auch die Prognosen zur Personalcomputer-Nachfrage werden nach unten korrigiert", erklärte Händler Heiko Georg von der Hypo-Vereinsbank den Verkaufsdruck.

Hohe Verluste erlitten zwischenzeitlich auch die Autohersteller im Dax. Spitzenreiter im negativen Sinne waren Volkswagen mit einem Minus von zeitweise über 5 %. Als Grund nannte der Hypo-Vereinsbanker Meldungen über neue Rabattprogramme der US-Hersteller General Motors und Ford. Maßnahmen wie etwa Nullzins-Kredite zum Autokauf führten in der Vergangenheit zwar zu steigenden Verkaufszahlen, drückten jedoch die Gewinnmargen der gesamten Branche in den Keller.

Schwach tendierten gestern auch die beiden Versicherungsriesen Allianz und Münchener Rück. Als möglichen Grund nannten Händler die umfangreichen Vermögensanlagen der Konzerne. "Wenn ich den Markt verkaufen will, kann ich auch gleich Allianz oder Münchener Rück verkaufen", sagte der HSBC-Händler. Das Kerngeschäft der Assekuranz laufe derzeit gut und könne den Kurseinbruch nicht erklären.

Linde und Degussa gewinnen

Zu den wenigen Gewinnern im Dax zählten der Maschinenbauer Linde und der Chemiekonzern Degussa. Beide gelten als defensive Werte im Index, deren Geschäft vergleichsweise robust gegenüber Schwankungen der Konjunktur ist.

Mehrere Händler betonten gestern, der Verkaufsdruck am deutschen Aktienmarkt komme verstärkt von den Terminmärkten. "Wenn Großinvestoren sich absichern, indem sie Futures auf den Dax verkaufen, bringen sie damit indirekt auch die Kassakurse unter Druck", sagte Hypo-Vereinsbank-Händler Georg. Grund sind Arbitrageprogramme: Sobald der Futurekurs zu stark vom aktuellen Dax-Kurs abweicht, sorgen computergestützte Arbitrageprogramme automatisch für eine Anpassung - in diesem Fall nach unten.

Händler beobachten in jüngster Zeit verstärkte Absicherungsstrategien bei institutionellen Anlegern wie etwa Versicherungen und Pensionskassen. Daher könne der Verkaufsdruck vom Future-Markt durchaus in den nächsten Tagen anhalten, schätzt der HSBC-Händler. "Andererseits setzen mittlerweile viele kurzfristige Investoren auf fallende Kurse. Da kann es schnell mal zu einer Gegenreaktion kommen", fügte er hinzu.

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