Soros wirbt für die „offene Gesellschaft“ und wendet sich gegen exzessive Zockerei
Die Rollenkonflikte von George Soros

Häufig treten amerikanische Superreiche auch als Philanthropen auf. Dahinter verbirgt sich nicht unbedingt ein altruistisches Motiv. Die Gründung von Stiftungen bietet eine ideale Gelegenheit, die bislang privaten Vorstellungen von der Welt in kulturelle oder politische Förderprogramme zu überführen. Das eigene Lebenswerk wird dadurch gewissermaßen zur öffentlichen Angelegenheit.

DÜSSELDOR. Niemand verkörpert diese Tradition heute stärker als George Soros. Reich geworden als Gründer eines der erfolgreichsten Investmentfonds aller Zeiten, leitet er inzwischen ein Netzwerk an Stiftungen, das in mehr als 30 Ländern agiert. Ziel dieser Stiftungen ist es, die Werte einer "offenen Gesellschaft" zu fördern: Freiheit, Demokratie, Marktwirtschaft und Toleranz. Soros gründet dafür Universitäten, unterstützt zivilgesellschaftliche Reformprojekte, berät Regierungen.

In Soros? neuem Buch soll man nun erfahren, auf welchen philosophischen Grundlagen seine vielfältigen Aktivitäten beruhen und inwiefern sie, ganz unbescheiden, im Zeichen einer besseren Weltpolitik stehen. Dabei lässt sich das Buch als innerer Monolog mit einer interessanten psychologischen Struktur lesen. Auf 400 Seiten streiten sich Soros der Spekulant, Soros der Staatsmann und Soros der Philanthrop.

Alle drei Soros verfügen über eine Theorie, die gesellschaftliche Veränderung erklärt. Im Anschluss an ihren philosophischen Lehrer Karl Popper gehen sie von der grundsätzlichen Fehlbarkeit menschlichen Wissens aus. Projekte im sozialen wie im marktwirtschaftlichen Bereich werden als Hypothesen verstanden, die getestet und entweder verworfen oder aber für einige Zeit unter Vorbehalt angenommen werden. Sie wissen aber auch um das Gesetz der Reflexivität: schon Hoffnungen und Erwartungen an ein Projekt beeinflussen die Realität, da sie menschliche Aktivitäten steuern.

An dieser Stelle reibt sich Soros der Spekulant die Hände, denn er hat seine Verdienstquelle gefunden. Und die liegt im Handel mit Hoffnungen, also nirgends besser als in Geschäften auf dem Terminmarkt. Wenn sowohl Fallibilität als auch Reflexivität gelten, wird rationales Investitionsverhalten allein durch das Gespür für die Popularität einer Branche oder einer Region gesteuert. Der kluge Spekulant steigt aus seinen Investitionen in diesen Trend erst aus, wenn er eine neue hoffnungsbeladene Mode aufkommen sieht. Dabei interessieren ihn weder ökonomische Fundamentaldaten noch Gleichgewichtstheorien oder soziale Schicksale.

"Haltet ihn, bevor er wieder spekuliert!" ruft hier Soros der Staatsmann. Das Handeln der Spekulanten, so erfährt man, habe viele Länder in der Peripherie zum kapitalistischen Zentrum in die Krise gestürzt. Daher bedürfe es einer neuen globalen Finanzarchitektur, die die exzessive Zockerei eindämme. Soros der Staatsmann beklagt aber auch die moralischen Verhältnisse in den reichen Ländern selbst. Die blinde Marktgläubigkeit, die sich in der neoliberalen Politik ausdrücke, untergrabe Toleranz und demokratische Selbstbestimmung. Daher sei der größte Feind der offenen Gesellschaft heute nicht mehr der Totalitarismus, sondern der Marktfundamentalismus in den eigenen Reihen. Soros der Staatsmann spricht die Sprache der Globalisierungsgegner. Aber als weltläufiger Mann demonstriert er nicht auf der Straße, sondern spricht mit anderen Staatsmännern, macht Reformvorschläge für den IWF oder schreibt Bücher.

Soros der Philanthrop ist da ungeduldiger und nimmt die Zukunft der offenen Gesellschaft lieber in die eigene Hand. Gerade in den krisengeschüttelten Ländern der Peripherie sind rerformerische Kräfte schließlich auf besonders schnelle Unterstützung angewiesen. Das Geld dafür, nun ja, das müsse eben Soros der Spekulant beschaffen.

Die offene Gesellschaft ist keine seichte Lektüre. Soros windet sich, seine drei Identitäten aufeinander abzustimmen, was nicht immer gelingt. So lassen sich manche seiner Taten als schlichte Rollenkonflikte verstehen - etwa im Fall der Russlandkrise 1998: In einem offenen Brief forderte er damals die Schaffung einer Währungsbehörde bei gleichzeitig kontrollierter Abwertung des Rubel. Die Folgen hätte Soros, der durch sein Verständnis der Reflexivität auf Finanzmärkten reich wurde, erahnen können. Weltweit gingen Währungshändler davon aus, der Spekulant Soros halte den Rubel für überbewertet. Das Vertrauen in den Rubel ging endgültig verloren, der Kurs stürzte unkontrolliert ab. Tatsächlich hatte sich Soros als Staatsmann geäußert, seine Positionen gehalten und binnen kurzer Zeit ein Vermögen verloren.

Sein neues Buch erlaubt interessante Einblicke in die Rollenkonflikte einer großen Persönlichkeit, aber es dürfte nur wenige Leser zufrieden stellen. Der neugierige Spekulant erfährt zwar, dass er sich an allgemeinen Trends ausrichten soll, aber er tappt weiter im Dunkeln mit der Frage, woran er eine Trendwende erkennen kann. Politisch Interessierte werden zwar auf die Notwendigkeit einer neuen Weltfinanzarchitektur und einer weltpolitischen Umordnung hingewiesen, aber wie genau so etwas herbei geführt werden kann, bleibt auch hier unklar. Am Ende hat Soros vor allem ein Buch über Soros geschrieben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%