Archiv
Soziale Phobie - die Angst vor anderen Menschen

Hamburg (dpa) - «Sei nicht so schüchtern, aus dem Alter müsstest du eigentlich raus sein», sagte ein Bekannter zu Birgit Bader (Namen der Betroffenen geändert). Es war nach einer Party und er wollte ihr Kuchen mitgeben. Sie hatte dankend abgelehnt, weil sie Angst hatte, im Mittelpunkt zu stehen und mit einer alltäglichen Situation konfrontiert zu werden.

Hamburg (dpa) - «Sei nicht so schüchtern, aus dem Alter müsstest du eigentlich raus sein», sagte ein Bekannter zu Birgit Bader (Namen der Betroffenen geändert). Es war nach einer Party und er wollte ihr Kuchen mitgeben. Sie hatte dankend abgelehnt, weil sie Angst hatte, im Mittelpunkt zu stehen und mit einer alltäglichen Situation konfrontiert zu werden.

Birgit Bader leidet an einer so genannten Sozialen Phobie. Die 30-Jährige kann Gesprächspartnern nicht in die Augen sehen, errötet leicht und glaubt, sich ständig in der Öffentlichkeit zu blamieren. «Mein Körper ist immer in Alarmbereitschaft.» In ihrem Job bei einem Stuttgarter Autokonzern hat die Betriebswirtin viel Verantwortung, fühlt sich oft überfordert. Vorträge halten und Geschäftsreisen sind ihr ein Graus.

Zwei Millionen Menschen, so schätzt man, sind in Deutschland von der Sozialen Phobie betroffen. Und die Krankheit kennt keine gesellschaftlichen Grenzen. «Sie kann den Manager genauso treffen wie den Handwerker», sagt Iver Hand, Leiter der Abteilung Verhaltenstherapie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Der Psychiater weiß: Ängste sind immer ein Stück weit auch normal. Therapiebedürftig wird die Schüchternheit dann, «wenn man sich bei der Überwindung der Angst immer wieder überfordern muss». Und nur ein Gedanke im Kopf der Betroffenen kreist: von anderen negativ bewertet zu werden. Diese wissen oft nicht woran sie leiden, quälen sich in Beruf und Privatleben, versuchen bestimmten Situationen aus dem Weg zu gehen, wirken gelegentlich arrogant, nur um von sich selbst abzulenken. Sie gehen nicht mehr unter Leute und vereinsamen. Depressionen und Alkoholprobleme sind oft die Folge.

Karsten Huber wusste bereits als Jugendlicher, dass er «anders ist als andere». Von seiner Krankheit erfuhr er erst während seines Medizinstudiums. Gesprächs- und Verhaltenstherapien, Medikamente und eine Selbsthilfegruppe in Hamburg haben ihn dann auf seiner Reise in die Normalität begleitet. Er arbeitete im Krankenhaus und keiner der Kollegen merkte, dass er unter einer Phobie leidet. Als er einen neuen Chef bekam, holte die Krankheit ihn wieder ein: «In seiner Gegenwart habe ich alles vergessen.» Nach kurzer Zeit brach Karsten seine Probezeit ab. Jetzt ist der Familienvater ohne Job.

Auch Birgit hat den Weg zum Therapeuten gefunden: «Dadurch habe ich gelernt, Freunden von meiner Krankheit zu erzählen.» Dinge tun, vor denen der Patient am meisten Angst hat, das ist Bestandteil der Verhaltenstherapie. «Man soll sein eigener Beobachter werden», sagt Hand. Dadurch soll Selbstvertrauen geschaffen werden «und man soll erfahren, ob die anderen in bestimmten Situationen wirklich genau hingucken». Entgegen der eigenen Vermutung ignorieren die meisten Leute Menschen mit hochrotem Gesicht. Die Therapie ist oft Erfolg versprechend, die Ängste werden reduziert oder verschwinden ganz.

Die Ursachen der Störung werden meist in der Kindheit und Jugend angelegt - die Veranlagung zur Schüchternheit immer vorausgesetzt. Entweder, erklärt Psychiater Hand, herrschte im Elternhaus kein liebevoller Umgang oder eine Außenseiterrolle in der Schule wurde nie überwunden. «Das kannst du nicht»: Diesen Satz hörte Birgit oft von ihrer Mutter. Die weiß auch bis heute nichts von ihrer Krankheit.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%