Sozialhistoriker Zimmermann:
"Stoiber kann solche Debatte nicht gewinnen"

Das TV-Duell zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und seinem Herausforderer Edmund Stoiber endete nach Ansicht prominenter Beobachter ohne eindeutigen Sieger.

HB DÜSSELDORF. Stoiber habe sich fachlich kompetent gezeigt und im Detail die besseren Argumenten gebracht, sagte Jürgen Kocka, der Präsident des Wissenschaftszentrums in Berlin, dem "Handelsblatt" (Dienstagausgabe). Allerdings habe der Unions-Kandidat auch "etwas oberlehrerhaft und wadenbeißerisch" gewirkt.

Schröder dagegen sei ein Meister der Kommunikation und trotz nicht gehaltener Versprechen glaubwürdig, glaubt Kocka: "Er punktete, vielleicht entscheidend, aber die schwierigsten Probleme blieben ausgespart. Vor allem, dass die Reform von Arbeitsmarkt und Sozialstaat nicht schmerzlos zu haben sein wird. Das Thema hätte in den Mittelpunkt gehört." Für Klaus F. Zimmermann, den Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), blieb der Herausforderer "sachverbissener Kämpfer", der Kanzler "souveräner Medienstar". "Trotz aller Fachkompetenz kann Stoiber eine solche Debatte nicht gewinnen", sagte Zimmermann. "Kandidatenduelle ersetzen im Medienzeitalter die Wahlplakate - sie bringen wenig Erkenntnisse, aber mobilisieren die Wähler."

Auch Paul Spiegel, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland glaubt, dass das TV-Duell auch künftig zum Wahlkampf gehören wird. "Schröder hat sich als Titelverteidiger bewährt, Stoiber sich in seiner Rolle als Kandidat gefunden", erklärte Spiegel. Allerdings hatte ich erwartet, dass die Moderatorinnen auch nach dem dramatischen Anstieg des Antisemitismus fragen und die zunehmende Verharmlosung des Nationalsozialismus thematisieren", so der Zentralratsvorsitzende.

Für den Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler entschied der Bundeskanzler das Duell für sich: "Mit seiner ruhigen Art wirkte Schröder besser als Stoiber, der, das muss man wohl sagen, mit einer Buchhalter-Attitüde und rechthaberischem Duktus seine Argumente ständig wiederholte, ohne aber konkret zu werden, wie er Änderungen im Detail denn auch außerhalb Bayerns gestalten wolle." Leider hätten beide Kontrahenten nicht den Mut gezeigt, sich mit den Gewerkschaften anzulegen, so Wehler. "Unser Arbeitsmarkt ist im internationalen Vergleich stark eingeschnürt, die Gewerkschaften sind zu konservativen Besitzstandswahrern mutiert. Ich sehe keine großen Reformen, die ohne einen Grundsatzkonflikt mit ihnen zu bewerkstelligen wären."

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