Später versprechen, mehr halten
Lebensversicherer suchen neue Wege aus der Krise

Die Börsenflaute trifft die deutschen Versicherer hart. Es wird schwierig, den Garantiezins zu erwirtschaften. Deshalb schauen einige Assekuranzen über den Tellerrand: Britische Modelle erscheinen interessant.

DÜSSELDORF. Was lange Zeit undenkbar schien, wird durch die Aktienflaute und die niedrigen Zinsen allmählich zum durchaus vorstellbaren Albtraum: dass deutsche Lebensversicherer ihren Mindestzins, den sie dem Kunden gegenüber garantiert haben, nicht mehr einhalten könnten. Die Versicherer suchen daher nach Wegen, das Risiko zukünftig einzugrenzen.

Der Gerling-Konzern schielt dabei auf die Angebote der britischen Versicherer. Gerling-Vorstand Norbert Heinen sieht die Briten vor allem in einem Punkt als Vorbild: "Der Schlussgewinnanteil muss an Bedeutung gewinnen." Damit spielt Heinen auf ein typisches Merkmal der Policen von der Insel an: Der Versicherer entscheidet erst spät, wie viel der Kunde bekommt. In Deutschland hingegen wird bei der traditionellen Versicherung schon sehr viel zu Beginn der Laufzeit versprochen - und möglicherweise nicht eingehalten.

Heinen möchte einen Mittelweg beschreiten zwischen den zwei großen deutschen Produktlinien: der traditionellen Lebens- oder Rentenversicherung, bei der der Versicherer das Risiko trägt, wenn die Börse einbricht, und der fondsgebundenen Variante, bei der der Kunde das Risiko trägt. Im Börsenboom waren vor allem die fondsgebundenen Produkte ein Renner, weil sie dem Kunden die Teilnahme an der Aktienrally versprachen. Inzwischen achten die Kunden wieder auf mehr Sicherheit. Aber die Versicherer auch. Da könnte das britische Modell eine Kompromisslinie vorzeichnen.

Flexible Modelle sind gefragt

Es gibt allerdings sehr verschiedene Produkte-Angebote made in England. "Kennzeichnend ist vor allem die Vielfalt der angebotenen Varianten", sagt Nicholas Illgen, geschäftsführender Gesellschafter der Vetriebsgesellschaft VPS in Rheine. Die von VPS vetriebenen Policen der Clerical Medical Investment Group sind aber ein gutes Beispiel: Der Versicherer garantiert über die gesamte Laufzeit nur, dass im Endeffekt alle eingezahlten Beträge erhalten bleiben. Außerdem schreibt er dem Kunden Jahr für Jahr einen Bonus gut, der ebenfalls nicht mehr angetastet werden kann.

Dieses System gibt dem Versicherer die Möglichkeit, sich der jeweiligen Börsensituation anzupassen. Schließlich behält der Kunde die Sicherheit nur, wenn er wirklich bis zum Ende der Laufzeit dabeibleibt - bei vorzeitiger Kündigung kann es dagegen einen marktbedingten Abzug geben. Wer durchhält, wird aber am Ende, wenn die Börse einigermaßen mitspielt, mit einem saftigen Schlussbonus belohnt.

Aus Sicht des Versicherers ist so ein Modell durchaus attraktiv - er verspricht weniger und muss weniger einhalten. Trotzdem gab es auch bei einigen britischen Anbietern schon schwere Probleme, weil dort der Aktienanteil bei den Lebensversicherungen sehr hoch ist - bis zu 80 %.

Garantiebverzinsung von null Prozent

Bei der traditionellen deutschen Lebensversicherung liegt der Aktienanteil dagegen meist unter 20 %. Dafür muss der Anbieter auf die eingezahlten Sparbeiträge über die gesamte Laufzeit einen Mindestzins garantieren - zurzeit 3,25 %, bei Altverträgen sogar noch bis zu 4,0 %. Die Briten garantieren dagegen im Endeffekt über die gesamte Laufzeit nur das Kapital - also eine Verzinsung von 0 %. Wieder anders ist es bei der fondsgebundenen Versicherung: Dort garantiert der Versicherer gar nichts. Das ist manchem Kunden in der heutigen Situation aber zu wenig. Außerdem kann der Kunde hier zuschauen, wenn sein Fonds mit der Börse in die Knie geht. Beim Bonussystem der Briten hingegen merkt er das nur, wenn er vorzeitig aussteigen will.

Ein breiter Trend hin zu britischen Vorbildern ist aber noch nicht zu spüren. Doch es gibt einige Angebote, die in eine ähnliche Richtung zielen. Die Volksfürsorge bietet zum Beispiel seit zwei Jahren eine fondsgebundene Rentenversicherung an, bei der die Auszahlung des eingezahlten Kapitals garantiert wird. "Im Börsenboom entfielen etwa 35 bis 40 % der verkauften Policen auf diese Variante, danach stieg der Anteil auf 70 %", sagt Volksfürsorge-Sprecher Wolfgang Otte. Die Nürnberger Versicherung und Generali Lloyd haben Produkte im Programm, bei denen nicht der offizielle Garantiezins, sondern nur 1,5 % oder 2,0 % geboten werden - dafür ist der Aktienanteil bei der Anlage höher. Allerdings handelt es sich dabei um Nischenprodukte.

Eine weitere Möglichkeit, das Risiko einzugrenzen, wäre eine Absenkung des Garantiezinses. Aber der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hält nicht viel davon. "Die nächste Änderung könnte, weil das Verfahren so langwierig ist, erst 2004 in Kraft treten. Das hilft den Gesellschaften jetzt nicht", sagt GDV-Sprecher Michael Gaedicke. Und viele Gesellschaften möchten den Garantiezins auch als Werbeargument behalten.

Quelle: Handelsblatt

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