Spam-Mails
Der Politiker und die Viagra-Plage

Wer das Internet nutzt, muss auch mit den Begleiterscheinungen leben. Das wohl aufdringlichste Übel ist das sogenannte Spam: massenhaft und automatisch versendete Werbebotschaften die Gästebücher überfluten. Bislang wurde dieses Problem eher verharmlost, doch nun hat es mit Gerhard Loth ausgerechnet einen Politiker erwischt - und der findet das gar nicht lustig.

DÜSSELDORF. Alles begann mit John. Am 12. Juni lobte er den nordrhein-westfälischen Landtagsabgeordneten Gerhard Lorth (CDU) für dessen Internet-Auftritt: "Very nice site!" schrieb John in das Gästebuch von » www.gerhard-lorth.de.

Merkwürdig nur, dass er diesen Worten einen Link folgen ließ, in dessen Buchstabenfolge auch das Wort "Viagra" auftauchte. John war sogar derart begeistert, dass er die gleichen Worte sofort noch einmal hinterließ - wieder mit einem Link, der diesmal "Cialis" enthielt, den Namen eines Viagra-Konkurrenten.

Schon am folgenden Tag nannten sich die Kommentatoren in Lorths Gästebuch nach Medikamenten oder Sexualpraktiken und hinterließen reihenweise Links auf wenig seriöse Internet-Angebote. Solche Kommentare kennen Weblog-Autoren und Inhaber von Web-Seiten nur zu gut. "Spam" nennen sie die Plage.

Denn es jubelt kein ausländischer Freund - hier will jemand Kunden für Viagra, Pornos oder Penis-Verlängerungen werben. Die Verursacher sitzen meist im fernen Ausland, oft werden die Kommentare per Software automatisch in jedes Blog oder Gästebuch gesetzt, das sich nicht mit Passwortvergabe schützt.

Das Beispiel des CDU-Abgeordneten Lorth zeigt, wie wichtig eine regelmäßige Überprüfung des eigenen Internet-Auftritts ist: Innerhalb von zwei Monaten liefen tausende Kommentare der zweideutigen Art auf. "Ich war im Urlaub und habe nicht auf die Homepage geschaut", sagt Lorth. Bisher habe er eine E-Mail bekommen, wenn jemand einen Eintrag im Gästebuch verfasste: "Dieses System scheint nicht mehr zu funktionieren", entschuldigt sich der Politiker.

Auch der Kölner Landtagsabgeordnete Franz Knieps-Josef hat unter Spam zu leiden - wenn auch auf andere Weise. Ein Viagra-Händler verschickt E-Mails, die auf den ersten Blick so aussehen, als seien sie von Knieps? Web-Auftritt verschickt worden. Knieps hat Anzeige erstattet - Aussicht auf Erfolg hat er damit aber nicht, meint der Düsseldorfer Anwalt und Internet-Rechtsexperte Michael Terhaag: "Es macht keinen Sinn, diesen Leuten hinterherzulaufen."

Trotzdem will sich der Bonner Oberstaatsanwalt Friedrich Apostel im Fall von Lorth nicht einfach so zufrieden geben: "Wir haben oft Situationen, wo es heißt, die Ermittlung sei aussichtslos", sagt er. "Da könnte ich manches Verfahren sofort fallen lassen." Obwohl Hunderttausende deutscher Weblogs unter der Terror-Werbung zu leiden haben, sagt Apostel: "Das ist der erste Fall, der uns bekannt geworden ist."

Immerhin ist die rechtliche Lage eindeutig: "Dies ist eine unzulässige Werbemaßnahme und somit generell wettbewerbswidrig", erklärt Anwalt Terhaag. Hinzu komme, dass Kommentare wie der von John verschleiern, dass sich dahinter Werbung verbirgt: "Das dürfte gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb verstoßen."

Die Spammer in China oder Lateinamerika stört das allerdings wenig. Und deshalb müssen auch Politiker lernen: Eine Internet-Seite ist wie ein kleines Kind - man darf sie nie unbeaufsichtigt lassen.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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