Spanien
Der schwarze Tod

Die "Prestige" liegt zerbrochen am Meeresgrund, Galiciens Fischer fürchten um ihre Existenz. Hilflos warten sie auf ihr Schicksal. Ein neuer Ölteppich treibt auf die Küste zu. Schon werden die Kosten auf über 150 Millionen Euro geschätzt. Ob die Versicherung alles trägt, ist zweifelhaft.

Die Männer reden leise, wie auf einer Beerdigung. Sie stehen in ihren Trainingshosen und ihren verschlissenen Pullovern vor dem Haus der örtlichen Fischerzunft. Sie warten. "Was sollen wir auch sonst tun?" fragt Evaristo Lois, 45. Während woanders an der Küste die Menschen mit Barrieren versuchen, wenigstens die Fjorde vor dem schwarzen Schlamm zu retten, ist diese Arbeit angesichts der Kraft des offenen Meeres hier zwecklos. "Wir können nichts machen, wir sind abhängig vom Meer."

Lois ist Fischer, seit 30 Jahren, er und seine Familie leben vom Meer und seinen Bewohnern - wie fast alle im 1500-Seelen-Dorf Caión und wie so viele an der galicischen Küste. Ohne die "Prestige", die in 3500 Meter Tiefe auf dem Meeresboden liegt, wäre Lois jetzt auf See, so wie es schon sein Vater und Großvater waren, auf der Suche nach den berühmten und teuren "percebes", zu Deutsch Entenmuscheln, Seebarsch und anderem Getier. Damit ist es nun vorbei, vorerst, die spanische Regierung hat längs der Küste die Fischerei verboten, seit vergangenen Samstag Punkt 11 Uhr "die schwarze Flut kam", wie Lois erzählt.

Wie lange der untergegangene Tanker die Fischer ans Land fesselt, wie lange auslaufendes Öl die Lebensgrundlage Hunderter Familien zerstört, all das vermag niemand zu sagen. Wochen? Monate? Jahre? "Wir wissen es nicht", sagt Lois. "Das hängt ab vom Wind, von der Strömung." Vom Schicksal.

Im Fernsehen laufen Bilder vom Tanker, von Politikern, vom spanischen Umweltminister Jaume Matas. Er hat keine guten Nachrichten. Die Nordwestküste Spaniens sei bereits auf einer Länge von fast 300 Kilometern verseucht, teilt er mit. Währenddessen treibt der aufkommende Sturm erneut einen riesigen Ölteppich auf die Küste zu, fast dreimal so groß wie das Saarland. Diesmal wird wahrscheinlich auch der portugiesische Nachbar seinen Teil abbekommen. Im Schiffswrack lagern weitere 60 000 Tonnen; noch halten die Tanks.

Mindestens ein halbes Jahr werde es dauern, bis die Gegend gesäubert ist, glaubt der Minister. Die Schäden allein in Spanien werden auf über 150 Millionen Euro geschätzt.

Die Strände von Caión, einem Bilderbuchdorf inmitten grüner Hügel, mit weiß angestrichenen Häusern und einem eigentlich blauen Meer, sind verschmutzt. Das Öl hat sich dick und schwarz an die Felsen geschmiegt, und in der Luft hängt trotz des starken Windes ein Geruch, der Stadtmenschen an frühere Zeiten erinnert, wenn der Heizöllieferant den Wintervorrat lieferte.

Wolken kommen auf. Das Meer findet zu seiner Stärke der vergangenen Tage zurück, man kann zusehen, wie sich die Wellen von Minute zu Minute höher auftürmen. "Eine Tragödie", sagt José Antonio, 39. Auch er ist Fischer, auch er hat vorerst keine Arbeit mehr. Die Männer hier sind sich einig: Eine Katastrophe dieser Größe haben sie noch nicht erlebt, auch nicht 1992, damals, vor zehn Jahren, als der griechische Tanker "Aegean Sea" bei der Einfahrt in den weiter nördlich gelegenen Hafen von La Coruña auf felsigen Grund läuft, auseinander bricht und tonnenweise Öl verliert.

Damals waren auf einer Küstenlinie von 200 Kilometern Badestrände und Felsen von schwarzem Ölschlick verseucht worden. Tausende von Fischern und Muschelzüchtern verloren ihre Arbeit.

Wer wird dieses Mal zahlen? Hoffentlich Versicherungen: Zunächst kommt ein so genannter P&I-Club (Protection and Indemnity) für die Schäden auf, eine Zwangsversicherung für Reeder. Die Obergrenze hängt von der Größe des Tankers ab und dürfte sich bei der "Prestige" auf rund 25 Millionen Euro belaufen. Für Schäden, die über diese Summe hinausgehen, tritt ein Fonds ein, in den Ölimporteure einzahlen müssen. Dieser International Oil Pollution Compensation Fund (IOPC) hat jedoch ebenfalls eine Höchstgrenze. Sie liegt derzeit bei rund 180 Millionen Dollar. Greenpeace nimmt an, dass der Schaden durch die "Prestige" weitaus höher sein wird.

Und wer begleicht die Rechnung dann? Die "Prestige" wurde von der griechischen Reederei Universe Maritime Inc. betrieben, gehörte aber einer Firma mit Sitz in Liberia, die wiederum unter Kontrolle der griechischen Reederfamilie Kolouthros stehen soll. Das Schiff fuhr unter der Billigflagge der Bahamas und wurde offenbar von der Schweizer Crown Resources AG gechartert.

Die Tochterfirma der russischen Firmengruppe Alfa ist im Kanton Zug unter der Nummer Ch-170.3.024.270-2 im Schweizer Handelsregister aktenkundig, hat als Firmensitz die Gotthardstraße 2 in Zug angegeben und als Geschäftszweck "den Handel mit Waren aller Art, insbesondere Öl".

In den achtziger Jahren galt Zug wegen seiner günstigen Steuersätze als Hauptstadt des internationalen Ölhandels. Unzählige Ölhändler aus der ganzen Welt ließen sich in der Kleinstadt am gleichnamigen See nieder. Auch der von den USA früher international gesuchte Steuerflüchtling und Rohstoffhändler Marc Rich ging jahrelang von Zug aus seinen Geschäften nach. Zuletzt verkaufte er offenbar sogar eine seiner Firmen an die Crown Resources, die jetzt die gesunkene "Prestige" gebucht hatte.

Das klingt alles nicht danach, als würden die Spanier schnell ihr Geld bekommen. Wenigstens erhalten die Fischer von der spanischen Regierung jetzt 30 Euro pro Mann und Tag für den Verdienstausfall. In der jetzt beginnenden Weihnachtssaison hätten die Fischer indes ein Mehrfaches verdient. "Wir müssen nehmen, was man uns gibt", sagt Lois und übt sich in der für Spanier unüblichen Diplomatie: "Es ist nicht viel, aber auch nicht wenig."

Leid gewohnt sind die Familien hier ohnehin, leer gefischt, wie das Meer ist. "Der Fischfang ist viel, viel schwieriger geworden", nuschelt der 77-jährige Manuel Perdía aus einem halb zahnlosen Mund. Der weißhaarige Rentner war selbst 55 Jahre auf See.

Die Männer in Caión verlieren kein böses Wort über ihre Regierung. Auch die ursprüngliche Entscheidung der Regierung in Madrid und deren Vertretung in Galicien, die "Prestige" trotz widrigen Wetters weiter auf das offene Meer zu schleppen, wird hier für richtig befunden. "Sonst wäre es vielleicht noch schlimmer gekommen."

Aber enttäuscht sind die Männer doch: "Wir sind ein armes Dorf", sagt Lois. "Wir könnten schon ein wenig mehr Hilfe gebrauchen." Damit meint er nicht nur Geld. Auch Tatkraft ist gefragt wie Montag und Dienstag, als Soldaten halfen, den Strand zu säubern. Heute seien nur Journalisten da. Sagt?s und steht weiter da wie auf einer Beerdigung.

Carmen Fernández dagegen hat vorgesorgt. In ihrem Restaurant "Finisterre" können die Gäste noch immer nach Herzenslust in Meeresgetier schwelgen. Sie erzählt, sie habe im Gefrierschrank 500 Kilo Tintenfisch liegen, in besseren Tagen als diesen aus der See gefischt, ausreichend für mindestens drei Monate.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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