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Spaniens Schwule flippen aus, Gläubige verzweifeln

Ganz wohl scheint José Luis Rodríguez Zapatero nicht dabei zu sein. Auf dem Titelbild der Juli-Ausgabe der Zeitschrift Zero, In-Blatt der spanischen Homosexuellen, wirkt sein Lächeln leicht gequält, seine Posen auf den Interviewbildern im Magazin-Inneren wirken gestellt.

Ganz wohl scheint José Luis Rodríguez Zapatero nicht dabei zu sein. Auf dem Titelbild der Juli-Ausgabe der Zeitschrift Zero, In-Blatt der spanischen Homosexuellen, wirkt sein Lächeln leicht gequält, seine Posen auf den Interviewbildern im Magazin-Inneren wirken gestellt. Kein Wunder, nur sehr wenige Politiker seines immer noch traditionsfreudigen Landes trauen sich auf die Frontseiten der Schwulenpresse. „Zapatero – ein besseres Land“ steht da fett gedruckt.
Kein Wunder, dass dem Sozialisten eine so offensichtliche Wahlwerbung etwas peinlich ist. Aber er kann derzeit jede Unterstützung gebrauchen. Denn die heute im Parlament unter tosendem Applaus der vielen schwulen Besucher und der linken Abgeordneten verabschiedete rechtliche Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften und zivilen Ehen zwischen Mann und Frau hat die in Spanien immer noch einflußreiche Kirche, christliche Familienorganisationen sowie die konservative Oppositionspartei PP erneut gegen ihn auf die Barrikaden gebracht. So sehr, dass der PP-Präsident Mariano Rajoy, obwohl heute im Parlament nicht mehr debatiert werden sollte, sondern nur abgestimmt, noch einmal das Wort ergreifen will. Der Parlaments-Präsident lässt ihn jedoch nicht.

Rajoy steht daraufhin auf und lässt seinem Ärger vor offenem Mikro freien Lauf: „Es ist eine Schande, dass ich bei einem so wichtigen Thema nicht reden darf.“ Noch schlimmer für ihn: Danach stimmen einige seiner weiblichen Fraktionsmitglieder für das Gesetz.

Rajoy und der Mehrheit seiner Partei gehen Zapateros Bemühungen, einen religionsfreien und moderneren Staat zu schaffen, gehörig gegen den Strich. Die Homo-Ehe ist da nur der Tropfen auf den heißen Stein, der jedoch nichts desto trotz einige zu absurden Äußerungen wie dieser hinreißt: „Homosexualität ist eine psychische Krankheit“, verkündete der Direktor der psychologischen Abteilung der katholischen Madrider Uni San Pablo-CEU, Aquilino Polaino, vor zwei Wochen öffentlich. Im spanischen Senat, wo die Rechten die Mehrheit haben, wurde Zapateros Gesetzeswerk am 21. Juni klar abgewiesen. Vor allem deswegen, weil dadurch Schwule auch Kinder adoptieren können. „Eine schreckliche Vorstellung“, sagt Polaino. Weltweit gehen nur Holland und Belgien in ihrer Gesetzgebung so weit.

Allerdings konnte das „Nein“ der Rechten die Homo-Ehe nicht verhindern. Der Gesetzesentwurf wurde gestern nur noch einmal dem Parlament zur Abstimmung vorgelegt und dort haben die Linken nun mal die Mehrheit.< Dennoch legte die Bürgervereinigung „Spanisches Forum der Familie“ der Regierung vorgestern eine Unterschriftensammlung vor, mit der ein Referendum und eine Verfassungsänderung eingefordert wird.

Hier soll anders als bisher klar festlegt werden, dass eine Ehe nur zwischen Mann und Frau möglich ist. Mehr als eine Millionen der 40 Millionen Spanier gaben bereits ihre Stimme dafür ab, darunter auch die strenggläubige Spanierin María José Revuelta: „Diese Sozialisten werden uns noch in den Abgrund stürzen.“ Sie hat auch bei der Demonstration gegen die Homo-Ehe am 18. Juni in Madrid mitgemacht. Mehrere Hunderttausende Gleichgesinnte gingen auf die Strasse.

Heute manifestierte die Spanierin mit den streng nach hinten gebundenen schwarzen Haaren erneut ihre Ablehnung. „Um die Beschmutzung der Familie“ aufzuhalten, sagt die 74jährige Witwe, die selber fünf Kinder und Enkel hat und jeden Tag in die Kirche geht. Aber nicht nur viele Konservativen denken so wie sie. Auch der alternative Künstler und selbst nicht verheiratete Nacho Sanchez demonstrierte mit ihr: „Für mich ist die Ehe Frau und Mann vorbehalten. Schwule können meinetwegen in eheähnlichen Gemeinschaften leben.“

Es ist schon verwunderlich, wie sehr dieses Thema die verschiedensten Teile der Gesellschaft erhitzt, obwohl doch letztendlich nur wenige Homosexuelle überhaupt von dem Recht Gebrauch machen werden. „Ich werde nicht heiraten und auch keine Kinder adoptieren, aber ich finde es gut, dass damit unsere Lebensweise zukünftig von der Gesellschaft voll akzeptiert wird“, sagt Béatriz Bernat, die seit mehr als drei Jahren mit einer Frau zusammenlebt und gestern aus Freude über ihre neuen Rechte auf die Strasse ging: „Zapatero hat Spanien ein neues Gesicht gegeben.“

Das heißt, er hat den Einfluss der Kirche deutlich beschnittten. Er hat gerade das Scheidungsrecht vereinfacht, hat das Pflichtfach Katholische Religion abgeschafft, er erlaubte in diesem Jahr die Forschung mit embryonalen Stammzellen und er hat im immer noch als Macholand verrufenen Spanien gerade ein auf Frauenmissbrauch spezialisiertes Gericht berufen. Zwar treten die Bischofskonferenz hierzulande und insbesondere der Madrider Kardinal Antonio María Rouco Varela immer noch als öffentlicher Moralhüter auf, der sich in alle politische Belange einmischt.

Aber auch, wenn die konservativen Kräfte es mit aller Kraft abzuwenden versuchen, aufzuhalten sei der Wandel der spanischen Gesellschaft nicht mehr, glaubt der Intellektuelle und Schriftsteller Marío Vargas Llosa. Die Jugend wolle dieses neue Spanien: „Hier geht es doch um Bürgerrechte, die man heutzutage in einer Demokratie nicht mehr verwehren kann.“ Zapatero, dessen politische Stärke eindeutig sein moralischer Diskurs ist, glaubt an das, was er sagt. Vom Rednerpult des mit dunklem Edelholz und Ledersitzen ausgestatteten Parlaments, verkündet er heute aus voller Brust: „Dieses Gesetz ist für alle. Es macht unsere Gesellschaft besser.“


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