Spanische und US-Institute am stärksten betroffen
Banken blicken besorgt nach Brasilien

Die Serie spektakulärer Kreditausfälle reißt nicht ab. Der Zahlungsausfall in Argentinien und die Pleiten großer Unternehmen diesseits und jenseits des Atlantiks haben schon deutliche Spuren in den Bankbilanzen hinterlassen. Jetzt rutscht auch Brasilien in eine Finanzkrise und bringt die Banken zunehmend in Bedrängnis.

HB DÜSSELDORF. Internationalen Banken droht nach der Argentinien-Krise und den großen Firmenpleiten in Europa und den USA neues Ungemach. Sollte sich die Krise in Brasilien zuspitzen, würde dies neue Verluste bedeuten. Analysten glauben allerdings, dass selbst eine Zahlungsunfähigkeit des Landes die Banken nicht in "ernste Gefahr" bringen würde. Die Analystin Celina Vansetti von der Ratingagentur Moody?s rechnet im schlechtesten Fall mit einer Umschuldung nach den Wahlen - nicht aber mit einem Zahlungsausfall wie in Argentinien.

Im Oktober stehen im hoch verschuldeten Brasilien Präsidentschaftswahlen an. Zunehmende Sorgen bereitet der mögliche Wahlausgang. Investoren fürchten, dass der linksradikale Präsidentschaftskandidat Luiz Inacio da Silva, genannt Lula, die Wahlen gewinnt und die Zahlung der Schuldendienste einstellt. Bisher ist das Land den Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Internationalen Währungsfonds (IWF) pünktlich nachgekommen. Allerdings sind die Zinslasten nach dem jüngsten Kursverfall brasilianischer Anleihen sprunghaft angestiegen. Derzeit liegt das Brasilienrisiko um 17 % über dem Zinsniveau amerikanischer Staatsanleihen. "Das kann auf Dauer keiner bezahlen", warnte Dan Tillotson, Chefstratege der Vermögensverwaltung Prudential für Schwellen-Regionen. Und Jose Louis Daza von der Deutschen Bank in New York fürchtet: "Brasilien könnte schon vor der Wahl in eine Krise geraten."

Die deutschen Banken sehen die jüngsten Entwicklungen in Brasilien dennoch gelassen. "Die Krise kommt nicht überraschend", heißt es bei der Deutschen Bank. Sie hat in der gesamten Region Lateinamerika "nur" Kredite in einem Volumen von 3,9 Mrd. Euro vergeben (Stand Ende 2001). Weltweit belief sich das Kreditvolumen der Bank auf 265,4 Mrd. Euro. Bei der Commerzbank summieren sich die Engagements auf rund 650 Mill. Euro. "Lateinamerika ist damit für uns kein Thema", erklärte ein Sprecher. Gleichwohl beobachtet das Haus die Entwicklung genau, denn es bestehe immer die Gefahr, dass sich "lokale Brandherde ausweiten". Auch die Dresdner Bank befindet sich nach Auskunft eines Sprechers im Beobachterstatus. Sie schaue "aufmerksam auf die politische und wirtschaftliche Entwicklung." Nähere Angaben zu den Engagements in Lateinamerika machte die Bank nicht.

Von einer Zuspitzung der Krise wären vor allem brasilianische Banken - wenn auch nicht existenziell - bedroht. Denn in Brasilien sind - anders als in allen anderen Latino-Ländern - die größten Banken noch national. Von 16 Instituten befinden sich zwei Drittel in inländischem und nur 16 % in ausländischen Besitz. Die größten Auslandsbanken sind die spanische SCH (5,2 %), die niederländische ABN Amro (3,1 %), die Citibank (2,5 %) und Bank Boston (2,4 %) - beide USA -, die britische HSBC (1,5 %) und die spanische BBVA (1,2 %).

Noch ist nicht klar, welche Ausfälle wirklich drohen. Bankanalyst Michael Mayo von Prudential schätzt das Brasilien-Engagement der Citigroup auf 13 Mrd. $, Fleet Boston habe 5 Mrd. $ investiert, JP Morgan 3 Mrd. $ und die Bank of America 2 Mrd. $. Doch ein großer Teil der Kredite sei abgesichert, zudem machten sie im Vergleich zum Gesamtkreditvolumen nur einen Prozentsatz im niedrigen einstelligen Bereich aus, meint Jim Moss von der Ratingagentur Fitch. Schwerer wiege, dass "das Vertrauen in die Wirtschaft und in die Aktienmärkte nachhaltig gestört ist."

Analysten in Madrid berichten von wachsenden Befürchtungen für die ganze Region. Die Aktien der Banken Santander Central Hispano (SCH), Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA) haben ebenso wie die Titel von Telefónica S.A. und Repsol YPF stetig an Wert verloren. Für SCH und BBVA sei die Sorge um die politische Entwicklung in Brasilien ein "zentraler Belastungsfaktor", meint WestLB Panmure. "Mit Aktiva von rund 24,3 Mrd. $ zum Jahresende 2001 hat Santander ein erhebliches Exposure in Brasilien." Zum SCH gehört Banespa, die drittgrößte brasilianische Privatbank. Seit 1997 hat SCH 7 Mrd. $ in Brasilien investiert.

"Die Krise in Südamerika betrifft uns weniger als andere Auslandsbanken", freut sich José Fonollosa, Lateinamerika-Direktor bei BBVA, "60 % unseren Lateinamerikageschäfts ist auf Mexiko konzentriert." Allerdings hält die BBVA nach Angaben der Analysten von Sal. Oppenheim hohe Anteile an Telefónica und Repsol, die wiederum in Brasilien engagiert sind. Insgesamt summieren sich die spanischen Investitionen in Brasilien Schätzungen von Analysten zufolge auf 25 bis 40 Mrd. Euro.

Ein Sprecher von Santander relativiert die Probleme: "Brasilien hat eine sehr starke und dynamische Wirtschaft, die schon frühere Krisen überwunden hat." Es handele sich nicht um eine Strukturkrise wie in Argentinien. Aber bereits im Mai zog die Bank einen Schluss-Strich unter das Internet-Banking. Das verlustreiche Finanzportal Patagon ging an die Gründer zurück - die Bank blieb auf Kosten von 700 Mill. Euro sitzen.

In Brasilien selbst könnten vor allem die staatlichen Institut, wie die größte Bank Brasiliens, der Banco do Brasil oder der Caixa Economica Federal unter Druck geraten, da sie große Anteile langfristig laufender Anleihen im Portfolio haben, die bereits stark an Marktwert verloren haben. Fraglich ist auch die Zukunft der gesamten Branche unter einem linken Kandidaten. Bear Stearns Analyst Thierry Wizman empfiehlt Investoren deshalb, bei einem wahrscheinlichen Wahlsieg Lulas Bankaktien abzustoßen: Lula hat mehrfach angekündigt, dass er die Gewinne des Finanzsektors besteuern will.

Quelle: Handelsblatt

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