Spanisches Biotechunternehmen Pharmamar setzt auf die Natur
Meer-Medikament könnte Krebs bekämpfen

Wirkstoffe aus dem Meer könnten Krebs besiegen. Das spanische Biotechunternehmen Pharmamar sucht seit Jahren nach natürlichen Medikamenten, die sich aus Meerespflanzen und-tieren gewinnen lassen. Eine erste Substanz, die auf diese Weise gewonnen wurde, wird zurzeit in klinischen Test untersucht.

VIGO. Schatten huschen durchs Wasser, eine Gestalt im gelben Neoprenanzug taucht auf, Sekunden später folgen drei Kollegen - allesamt beladen mit durchsichtigen Beuteln, in denen es vor Meeresgetier nur so wimmelt. Die vier Taucher sind spanische Meeresbiologen, auf der Suche nach Heilsbringern, die es in sich haben: marine Organismen mit möglichen Wirkstoffen gegen die Menschheitsgeißel Krebs.

"Die Jungs entdecken ziemlich ungewöhnliche Sachen", erzählt Bulent Kukurtcu. Der 40-Jährige ist seit 1994 Chef der Forschungsabteilung der spanischen Biotechfirma Pharmamar, das sich auf die Erforschung von Anti-Krebs-Mitteln aus der Meerestiefe spezialisiert hat.

Etwa 15 Mal im Jahr durchkämmt Kukurtcus Team die Ozeane der Welt, immer auf der Suche nach den unscheinbaren Rettern. Ein hartes Geschäft, das Pharmamar bislang keinen müden Euro Umsatz gebracht hat: Im Schnitt ist von der Ausbeute eines Jahres nur ein Organismus für die weitere Erkundung von Wirkstoffen brauchbar. Nach mehr als 15-jähriger Forschungsarbeit ist noch kein Medikament auf dem Markt erhältlich.

Das soll sich bald ändern. Dem ersten potenziellen Heilsbringer, "Yondelis", bescheinigen Analysten und Mediziner durchaus Erfolg versprechende Aussichten im Kampf gegen seltene Tumore in Muskeln und Knochen sowie möglicherweise gegen häufiger vorkommende Krebsarten wie Eierstock- oder Brustkrebs. Sowohl Pharmamar als auch Analysten, die sich in ihrer Zuversicht für das Unternehmen kaum bremsen lassen, gehen davon aus, dass das Mittel kurz vor der Zulassung durch die europäische Genehmigungsbehörde European Medical Evaluation Agency in London steht.

Marktbeobachter sind schon lange davon überzeugt, dass Pharmamar in seinen Labors viel versprechende Substanzen entwickelt. Um die Forschung auf eine breitere Basis zu stellen, haben die Spanier zudem ein weltweites Netz mit Experten in Universitäten und Kliniken geknüpft, die Fortschritte und Rückschläge bei "Yondelis" und fünf weiteren wichtigen Wirkstoffen sorgfältig registrieren.

Ralf-Dieter Hofheinz vom Universitätsklinikum Mannheim, wo gerade die erste klinische Studie mit "Aplidine", einem Medikament gegen Bronchialkarzinom, durchgeführt wird, spricht von einer "innovativen Substanz". Es sei allerdings noch nicht vollkommen klar, auf was die Wirksamkeit wirklich beruhe. Vorsicht sei angebracht: "Das Medikament kann noch mit fliegenden Fahnen untergehen", sagt Hofheinz. Der Grund: "Gleich gut reicht nicht, es muss besser sein, sonst gibt es keine Chance, das Mittel zur Marktreife zu bringen."

Auch Jesús García Foncillas, Arzt an der Uniklinik im spanischen Pamplona und seit mehreren Jahren mit Studien zu "Yondelis" vertraut, hat einen Rest Skepsis noch nicht verloren, zumal sich das Medikament bislang "auf ein eher begrenztes Anwendungsgebiet beschränkt".

Eine Menge Glaubwürdigkeit bedeutete für die Spanier ein Abkommen mit dem US-Pharmaunternehmen Johnson & Johnson. Seit 2001 haben die Amerikaner Forschung und Entwicklung von "Yondelis" mit 25 Mill. $ unterstützt und sich im Gegenzug das Recht gesichert, das Medikament nach seiner Zulassung außerhalb Europas zu verkaufen.

Ein Meilenstein für Pharmamar, musste das Unternehmen doch zuvor im Wesentlichen mit den bescheidenen Gewinnen der Muttergesellschaft Zeltia S.A. auskommen, die auf Lacke und Pestizide spezialisiert ist. Die Zulassung von "Yondelis" wäre der erste Umsatzbringer für Zeltia. Obwohl auch andere Unternehmen an Meeres-Medikamenten forschen - unter anderem Novartis Pharma AG, Knoll Pharmaceuticals und die GPC Biotech AG -, ist Pharmamar die einzige Firma, die nur auf Meeresforschung setzt.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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