„Spanisches Tschernobyl“
Atlantikküsten droht langwierige Ölpest

Die vom Öltanker "Prestige" ausgelöste Umweltkatastrophe an der spanischen Atlantikküste droht zu einer der schlimmsten Ölfluten der Geschichte zu werden. Experten warnten nach Presseberichten vom Sonntag davor, dass fast die gesamte Ladung des Unglückstankers von 77 000 Tonnen Öl ins Meer strömen könnte.

HB/dpa LA CORUNA/PARIS. Damit stünde den Atlantikküsten in Spanien und anderen Ländern eine Ölpest von unabsehbarer Dauer bevor. Spaniens Verkehrsminister Francisco Álvarez Cascos bezeichnete die Katastrophe als "das spanische Tschernobyl". Deutsche Fachleute, unter anderem vom Technischen Hilfswerk, wollten am Montag zur Ölbekämpfung nach Spanien fliegen.

Frankreich bereitete sich auf einen langwierigen Kampf gegen die Ölpest vor. Das Spezial-U-Boot "Nautile" entdeckte am Wochenende auf dem Meeresgrund das Heck des vor knapp drei Wochen zerbrochenen Tankers. Es befand sich 3,7 Kilometer vom Bug entfernt. Nach Angaben des spanischen Rundfunks strömte aus beiden Teilen Öl aus. Der Bug und das Heck der "Prestige" seien stark beschädigt, berichtete die Zeitung "La Voz de Galicia". Die Gefahr, dass die Öltanks des in 3 600 Meter Tiefe liegenden Schiffes aufplatzen könnten, sei sehr groß. Derzeit strömten durch mehrere Risse 40 bis 50 Tonnen Öl pro Tag ins Meer.

Meereswissenschaftler der Universitäten in Vigo und La Coruña vertraten allerdings die Ansicht, dass aus dem Wrack das meiste Öl bereits ausgelaufen sei. Von der Gesamtladung von 77 000 Tonnen Öl seien 40 000 bis 55 000 Tonnen ins Meer gelangt. Die spanische Regierung war bislang nur von einer Menge von gut 20 000 Tonnen ausgegangen.

Ein Abpumpen des Öls wird von den Fachleuten als praktisch unmöglich eingestuft. Im Jahr 2000 hatte TotalFinaElf 75 Millionen Euro ausgegeben, um etwa 15 000 Tonnen Schweröl aus der "Erika" vor der bretonischen Küste mühsam abzupumpen. Die "Erika" liegt aber nur 200 Meter tief. Das französische Cedre-Institut in Brest legte nahe, von einer Zeitbombe auf dem Boden des Atlantiks zu sprechen: Es führte mehrere Beispiele von gesunkenen Tankern auf, aus denen nach Monaten oder sogar Jahren noch Öl floss.

An der Unglücksstelle der "Prestige" 250 Kilometer vor der galicischen Küste wurden drei große Ölteppiche entdeckt. Wie Spaniens Vizeregierungschef Mariano Rajoy mitteilte, hatten sie einen Radius von jeweils bis zu vier Kilometern. Knapp drei Wochen nach dem Untergang des Tankers nahm Ministerpräsident José María Aznar die Fäden im Kampf gegen die Ölpest in die Hand. Er leitete in seinem Madrider Amtssitz einen Krisenstab von vier Ministern und kommandierte zusätzliche Soldaten für den Kampf gegen die Ölpest ab. An der galicischen Küste setzte eine Welle der Hilfsbereitschaft ein, die alle Erwartungen übertraf. Über 10 000 Freiwillige aus allen Teilen Spaniens strömten in das Gebiet, um Öl von Stränden und Felsküsten abzutragen. Die Streitkräfte und das Rote Kreuz sorgten dafür, dass sie verpflegt und in Schulen oder Sporthallen untergebracht wurden.

In Galicien entspannte die Lage sich, da der Nordostwind die im Meer treibenden Ölteppiche weiter von der Küste entfernte. Dagegen wurde in der Nachbarregion Asturien fast das gesamte Küstengebiet mit über 75 Stränden mit Öl beschmutzt. In Kantabrien waren 34 und im Baskenland 5 Strände betroffen. Vor der asturischen Küste entdeckte ein Patrouillenboot bei der Suche nach Ölflecken einen in Meer treibenden "Atom-Container". Der Behälter wurde nach Angaben der Behörden nach Gijón gebracht und sollte dort auf radioaktive Inhalte untersucht werden.

In Frankreich gingen Fachleute davon aus, dass das "Prestige"-Schweröl über mehrere Monate hinweg französische Küsten verunreinigen könnte. Premierminister Jean-Pierre Raffarin wollte am Sonntagabend in Paris in einer Krisensitzung mit sieben Ministern die Vorbereitungen auf eine mögliche Ölpest zwischen Biarritz im Süden und der Pointe du Raz in der Bretagne erörtern. Die Regierung wolle zeigen, "dass sie alles im Griff hat", meinte das "Journal du Dimanche".

Ein Team von norddeutschen Experten der Feuerwehr und des Technischen Hilfswerkes fliegt am Montag zur Ölbekämpfung nach Spanien. Das Team solle erneut Hilfestellung beim Einsatz von Spezialgerät wie etwa Ölsperren geben, sagte ein Sprecher der Hamburger Feuerwehr. Am Donnerstag war ein 30-köpfiges Helferteam aus Norddeutschland nach zwölftägigem Einsatz an der spanischen Atlantikküste nach Hause zurückgekehrt.

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