SPD
Kanzlerwahlverein

Was ist der Unterschied zwischen der Entlassung Ron Sommers und dem Rauswurf Rudolf Scharpings? Ganz einfach: Als Sommer ging, weinten die Mitarbeiter, und der Kurs der Telekom - Aktie stieg. Als Scharping ging, beglückwünschten sich die Sozialdemokraten - aber die Umfragewerte für die Partei blieben flau.

Der SPD ist kein Befreiungsschlag gelungen. Vielmehr haftet den Genossen der Makel an, mit dem letzten Aufgebot in den Endspurt des Wahlkampfes zu ziehen. Peter Struck, dem Gerhard Schröder einst vorwarf, ein "Kartell der Mittelmäßigkeit" zu organisieren, hat lange als braver Parteisoldat gedient. Nach unten hat er die Fraktion zusammengehalten und nach oben nicht lauter aufgemuckt, als es der Parteivorsitzende leiden mochte. Als Bundesverteidigungsminister mag er jetzt äußerlich eine zackigere Figur abgeben. Doch ob er einer Armee im Umbruch mehr zu bieten hat als Scharping, muss er erst beweisen.

Und wer ist Ludwig Stiegler? Dass er als neuer Fraktionsvorsitzender in die Schuhe von Schumacher, Ollenhauer, Schmidt und Wehner hineinwachsen soll, wird auch Schröder nicht im Ernst erwarten. Der 58-jährige Oberpfälzer taugt mehr fürs bayerische Bierzelt als für den Berliner Reichstag. Soll er mit bajuwarischer Derbheit der CSU Paroli bieten? Oder besteht der Grund seiner Berufung nicht vielmehr darin, dass man einen wie ihn problemlos nach Hause schicken kann, wenn die Wahl in neun Wochen gelaufen ist? Wie auch immer: Dass Struck aus dem Fraktionsvorsitz gerissen und Stiegler zum neuen Chef im Bundestag berufen wurde, zeigt, wie dünn die Personaldecke der SPD ist. Ihr Erscheinungsbild erinnert fatal an den Zustand der Götterdämmerung, den die CDU/CSU am Ende ihrer Regierungszeit bot - das war allerdings nicht nach vier, sondern nach 16 Jahren.

Damals standen Kohl, Kohl, nochmals Kohl für die Union. Für die SPD erledigt heute Schröder diese Aufgabe, sonst niemand. Andere Figuren, die die Partei dereinst hätschelte, mussten die Konsequenz daraus ziehen, dass sie gegen ihren machtbewussten Kanzler nicht bestehen konnten. Oskar Lafontaine erkannte das schon nach einigen Wochen, Scharping weiß es jetzt auch. Was übrig blieb in der Bundespolitik, taugt gerade noch zum Kanzlerwahlverein. Das mag für den Wahlkampf nützlich sein, lässt aber für die Zeit danach nichts Gutes hoffen: Sollte es noch einmal reichen für die SPD, sind Kandidaten für anspruchsvolle Ämter rar. Bei einer Niederlage bricht erst recht die Apokalypse aus: Dann hat das Leittier ausgedient, und nicht einmal ein wenig Stallgeruch lässt sich mehr vernehmen.

Natürlich gibt es auch in der SPD noch eine zweite Reihe, auf die die Genossen stolz verweisen. Zu ihr zählen wie immer in Deutschland die Ministerpräsidenten oder ihre Herausforderer. Sigmar Gabriel aus Niedersachsen und Matthias Platzeck aus Brandenburg gehören dazu. Beide haben jedoch das Manko, noch nie eine Wahl gewonnen zu haben. Ihr Problem wird auch nicht kleiner, falls sie doch mal gewinnen. Sie blieben dann zu Recht Ministerpräsidenten und dürften wenig Neigung verspüren, nach Berlin zu wechseln. Und mit einer inzwischen fast vergessenen Ute Vogt, die in Baden-Württemberg zwar einen frechen Wahlkampf hingelegt, ihn im Übrigen aber verloren hat, ist bundesweit wahrlich auch kein Staat zu machen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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