SPD
Kommentar: Bare Münze

Die Sozialdemokraten haben ihre Wegmarken für den Rest des Wahlkampfs abgesteckt. Ihre Strategie kann man mit drei Worten zusammenfassen: Schröder, Hartz - und Saddam Hussein. Seit dem Wahlkampfauftakt müssen wir vermuten: Die SPD will sich in den Wochen bis zum 22. September als Mischung aus traditionalistischer Linkspartei, moderner Reformfraktion und Willy-Brandt-Friedensbewegung präsentieren. Der Kanzler selber muss in dieser Formation zuvörderst die Stammwähler mobilisieren, die vor allem im Kernland Nordrhein-Westfalen nicht so recht in die Puschen kommen. Hartz soll mit seiner Arbeitsmarktkommission die enttäuschten Wähler der Mitte wieder einfangen. Und Saddam Hussein könnte den Sozialdemokraten keinen größeren Gefallen tun, als mit großem Getöse möglichst martialisch auf den noch größeren Satan George Bush einzudreschen - oder umgekehrt. Damit Schröder als linksnationaler, treudeutscher Friedensmahner dringend benötigte Stimmen der Ewigängstlichen einsammeln kann. Das hört sich zynisch an? Ja. Aber so ist der Wahlkampf, wenn es hart auf hart geht.

Und es wird noch knüppelhart kommen. Der SPD-Vize-Vorsitzende Wolfgang Clement will "härtere Pressschläge ansetzen", damit Edmund Stoiber endlich als rechtsgestriger Berlusconi der deutschen Politik entlarvt wird. SPD-Generalsekretär Franz Müntefering steckt seine Genossen in den "Kampfanzug". Der Unionskandidat kann sich also in den nächsten Wochen auf den einen oder anderen Hieb unter die Gürtellinie gefasst machen. Aber werden die Sozialdemokraten ihr Schicksal damit noch einmal wenden? Sicherlich wird der Abstand zwischen den beiden großen Parteien am Wahltag nicht so groß sein, wie die Umfragen gegenwärtig signalisieren. Trotzdem sprechen alle Erfahrungen dagegen, dass die Sozialdemokraten im Endspurt doch noch ans Ziel kommen. Selbst in Schröders engstem Genossenkreis rührt sich bereits Resignation.

Anders als 1998 haben sich die Sozialdemokraten kein übergreifendes Thema für ihre "Kampa" verschaffen können. Die "neue Mitte" des damaligen Schröder-Siegs? Vier Jahre und verweht. Und der Anti-Stoiber-Wahlkampf ist in sich zusammengefallen. Der Unionskandidat müsste schon auf offener Straße (und in Anwesenheit eines Bild-Reporters) einen Dackel erwürgen, damit diese Strategie nun auf den letzten Metern doch noch aufgeht. Zugegeben: Die Idee mit der Hartz-Kommission war genial, wie selbst die politischen Gegner Schröders einräumen. Aber viele Wähler durchschauen dieses Last-Minute-Angebot doch als allzu billigen Lockvogel nach vier Jahren unterbliebener Arbeitsmarktreformen.

Das Gleiche dürfte den Sozialdemokraten auch mit ihrem letzten Gedankenblitz passieren, dem "deutschen Weg" (Schröder) in der Wirtschafts- und Weltpolitik. Der Kanzler auf Konfrontationskurs gegen George Bush? Waren Schröder und sein getreuer Fischer nicht vor kurzem noch Weltmeister in "uneingeschränkter Solidarität" mit der westlichen Führungsmacht? Man muss den Wahlkampf schon für eine politstrategische Hochmesse halten, wenn man Schröders antiamerikanische Selbsterweckung für bare Münze nimmt.

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