SPD-Landeschef Strieder fiel bei Senatorenwahl zunächst überraschend durch
Schallende Ohrfeige für Wowereit

Es war ein historischer und denkwürdiger Tag im Berliner Abgeordnetenhaus - doch anders als erwartet. Die Wahl der ersten rot-roten Landesregierung in der deutschen Hauptstadt geriet zunächst zu einem Desaster für SPD und PDS: Statt aus den Abstimmungen gestärkt hervorzugehen, ließen offenbar frustrierte Sozialdemokraten ihren eigenen Landesvorsitzenden Peter Strieder am Abend im ersten Wahlgang völlig überraschend als Stadtentwicklungssenator durchfallen.

dpa BERLIN. Auch für den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) war die Ablehnung eine schallende Ohrfeige. Mit der demonstrativen Einigkeit, die der Berliner SPD im vergangenen Jahr zum Wahlsieg verholfen hat, war es offenbar vorbei.

Doch die SPD wagte einen zweiten Versuch und stellte Strieder mehr als eine Stunde später erneut zur Wahl - diesmal mit Erfolg. Sichtlich erleichtert nahmen der SPD-Landeschef, aber auch Bürgermeister Wowereit das Ergebnis der zweiten Abstimmung zur Kenntnis: Strieder erhielt 75 Ja- und 65 Nein-Stimmen - im ersten Anlauf hatten ihm mindestens acht Leute aus den eigenen Reihen die Zustimmung versagt und mit 68 Ja-, 70 Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen votiert.

Die Krise deutete sich bereits in den vergangenen Tagen an - doch niemand hatte ernsthaft geglaubt, dass der Riss innerhalb der Berliner Sozialdemokraten derzeit so tief ist. Teile der Partei wie der SPD-Fraktion waren offen unzufrieden mit der Personalpolitik des Führungsduos

Trotz fieberhafter Suche gelang es Wowereit nicht, eine kompetente Nachfolgerin für die freiwillig scheidende Finanzsenatorin Christiane Krajewski zu finden. Der Zeitnot gehorchend, präsentierte der Regierungschef einen Mann. Die SPD-Frauen reagierten darauf mit offener Empörung: Sie waren verärgert, weil mit Karin Schubert für das Justizressort nur eine SPD-Frau in den Senat berufen wird. Insgesamt sind im neuen Senat damit nur zwei von neun Mitgliedern weiblich sein - das wäre seit Jahren ein neuer historischer Tiefstand in Berlin.

Noch offener opponierten die Ost-SPDler gegen die Auswahl für die Senatsposten. Sie fühlten sich völlig übergangen, weil alle SPD - Senatoren aus dem Westen kommen. Wortführer Ralf Hillenberg hatte mehrfach die Berücksichtigung von Politikern mit Ost-Biografie gefordert. Das Fass zum Überlaufen brachte offenbar eine gezielt am Donnerstag - wenige Stunden vor der Wahl - bekannt gewordene Beteiligung Strieders an einem der zahlreichen Immobilienfonds der Landesbank Berlin, in dessen Aufsichtsrat Senator Strieder sitzt.

Die "Berliner Morgenpost" berichtete, der SPD-Politiker habe 80 000 DM in einen Fonds investiert, der seinen Zeichnern ungewöhnlich gute Konditionen mit Risikoabschirmung bot. Genau diese zum Teil dubiosen Immobilien- und Fondsgeschäfte brachten die Bankgesellschaft Berlin im vergangenen Jahr schwer ins Trudeln. Auch wenn die Zeichnung legal ist, hatte es für mehrere Genossen offenbar einen schalen Beigeschmack, dass ihr Landeschef zu den Nutznießern gehörte.

Der unerwartete Eklat am Abend übertraf noch die zahlreichen Proteste, die bereits den ganzen Tag den offiziellen Machtwechsel zu Rot-Rot überschatteten. Die zweistündige Debatte im Landesparlament vor der Abstimmung riss dann noch einmal Wunden auf, die 40 Jahre politischer Teilung in der Stadt geschlagen haben. Vertreter der CDU, der FDP, aber auch Verfolgte des SED-Regimes warfen vor allem der SPD Verrat an ihrer eigenen Geschichte und an Idealen vor, indem sie sich jetzt mit dem einstigen erbitterten Gegner gemein mache.

Der frühere Kultursenator und jetzige CDU-Vize-Präsident des Parlamentes, Christoph Stölzl, ging vielen unter die Haut, als er sagte: "Die leichtfertige liaison dangereuse (gefährliche Liebschaft) wird Sie heute ihre Seele kosten.

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