SPD-Mitglied Wiegard bricht mit vielen Tabus der Gewerkschaften
Wolfgang Wiegard: Der neoklassische Sozialdemokrat

Wolfgang Wiegard wirkt gut gelaunt und erholt - dabei hat der Vorsitzende des Sachverständigenrates in diesem Jahr noch nicht einen Tag Urlaub gehabt. "Früher, als meine drei Söhne noch klein waren, war das anders. Jetzt bestimmt die Ökonomie mein Leben", sagt der 56-Jährige. Unzufrieden ist er deshalb nicht: Immerhin konnte er den ganzen August über in der Sonne arbeiten - sein jüngster Sohn baute ihm eine Gartenlaube mit Internet-Anschluss. Zahlenkolonnen im Freien zu wälzen - das ist Gartenarbeit à la Wiegard.

DÜSSELDORF. Die vergangenen zwei Monate hat der agile Finanzwissenschaftler allerdings im Statistischen Bundesamt in Wiesbaden hinter verschlossenen Türen verbracht. Dort konnte er nach Herzenslust auf Daten aller Art zugreifen, während er zusammen mit seinen vier Ratskollegen das neue Jahresgutachten für die Bundesregierung erarbeitet. Heute übergeben die "fünf Weisen" es in Berlin dem Bundeskanzler.

Seine Familie hat Wiegard seit Anfang Oktober nur noch an den Wochenenden gesehen. "Man wird zum Sachverständigenrats-Autisten", gibt er mit einem Lachen zu und sagt: "Ich kann nachvollziehen, dass die Blüte der Wissenschaft in den Klöstern stattfand." Sein Büro im Statistischen Bundesamt drängt den Vergleich mit einem Kloster auf: Leuchtstoffröhren spenden fahles Licht, die Einrichtung ist karg, Akten und Tageszeitungen türmen sich auf den Tischen - selbst das Mineralwasser in der Flasche ist still.

Die Atmosphäre in seinen anderen Arbeitszimmern ist behaglicher, es gibt dort immer eine Stereoanlage. Wiegard arbeitet gerne mit musikalischer Begleitung - die Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens oder die Goldberg-Variationen Johann Sebastian Bachs zählen zu seinen Favoriten. Als eines seiner wenigen Freizeitvergnügungen gönnt er sich ab und zu einen Konzertbesuch in Regensburg. Sonst steht die Forschung an erster Stelle in seinem Leben. Wiegards normaler Arbeitstag beginnt morgens um 7 Uhr und endet nicht vor 23 Uhr abends - wenn das Gutachten geschrieben wird, "kann es sogar noch später werden."

Bis zur letzten Minute wird gekämpft

In dem mehrere hundert Seiten umfassenden Werk steckt Detailarbeit: Die fünf Autoren besprechen jedes Wort, jedes Komma. "Da wird bis zur letzten Minute gekämpft," sagt Wiegard: "Ob es muss, kann oder soll heißt - darüber kann schon mal eine halbe Stunde drauf gehen." Letztlich setzt Wiegard als Vorsitzender den Schlusspunkt. Das traut man dem energischen Mann mit dem üppigen Oberlippenbart und dem gewellten grauen Haar ohne weiteres zu.

Wiegard genießt unter deutschen Ökonomen einen ausgezeichneten Ruf, macht sich aber über seinen Einfluss keine allzu großen Illusionen. "Es wäre naiv, wenn man meinen würde, dass das Gutachten wirklich in Gesetzestexte einfließt." Auch wenn Politiker die Expertise des Rats, der nur einmal im Jahr an die Öffentlichkeit tritt, häufiger in Anspruch nehmen. Für Wiegard bedeutet das: Mittagessen mit Kanzler Gerhard Schröder und Finanzminister Hans Eichel oder Anhörungen im Bundestag.

Beeinflussung durch die Politik soll es nicht geben: Das Sachverständigenrats-Gesetz garantiert den fünf Weisen ihre Unabhängigkeit. Bei der Ernennung der Wissenschaftler haben aber Politiker und Interessengruppen allerdings ein informelles Mitspracherecht (siehe "Der Sachverständigenrat").

Derzeit haben mit Wolfgang Wiegard, Bert Rürup und Jürgen Kromphardt drei Weise ein SPD-Parteibuch. Wiegard ist seit dem Studium Mitglied in der SPD und in der Gewerkschaft Verdi. "Das waren 1967/68 wilde Zeiten an deutschen Universitäten. Ich bin mit der Studentenbewegung aufgewachsen. Die Jusos gehörten damals eher zum rechten Rand der linken Bewegung", sagt er und hat offenbar Freude an der Reminiszenz.

Besonders begeistert haben ihn damals SPD-Politiker wie Herbert Wehner und Willy Brandt. Seitdem hat sich die SPD zwar gewandelt, aber Wiegard bleibt der Partei treu: "Ich bin auch schon seit 1972 mit der selben Frau verheiratet. Da hat sich in 30 Jahren Ehe etwas verändert - und so ist das auch mit einer Parteimitgliedschaft. Aber genauso wenig, wie meine Ehe jemals in Frage steht, könnte ich mir keinen Grund vorstellen, warum ich aus der SPD austreten sollte."

Wiegard plädiert für Niedriglohnsektor

Statt dessen will er Einfluß nehmen. Zum Beispiel, indem er versucht, Gewerkschaftsvertretern beizubringen, dass ihr Argument, mehr Lohn = mehr Kaufkraft = mehr Wachstum, überholt ist. Entgegen linker Orthodoxie plädiert Wiegard auch für einen Niedriglohnsektor, die Lockerung des Kündigungsschutzes und eine moderate Lohnpolitik. "Die Reallohnsteigerung muss hinter dem Produktivitätszuwachs zurück bleiben, damit mehr Beschäftigung geschaffen werden kann." Ob seine Argumente auf fruchtbaren Boden fallen, weiß Wiegard allerdings nicht mit Sicherheit.

Auch sonst klingen seine Thesen nicht gerade wie aus dem SPD-Parteiprogramm: Das Hartz-Konzept hält er für nicht ausreichend. Eine wirkliche Reform des Arbeitsmarktes wurde in Deutschland bisher nicht in Angriff genommen, kritisiert Wiegard die Regierung.

Da wundert es nicht, dass er sich "klar als neoklassischen Ökonom" einordnet. Das Etikett "Ordnungstheoretiker" passt dagegen kaum. Wiegard sucht eher den Mittelweg zwischen einer auf Werturteilen basierenden Forschung und rein empirischem Arbeiten. Die Finanzwissenschaft ist deswegen aus seiner Sicht die "ideale Kombination von theoretischer und empirisch-angewandter Forschung". Mathematische Modelle der allgemeinen Gleichgewichtstheorie gehören zu seinem Handwerk.

Beim Thema Reformbedarf läuft der Rationalist Wiegard allerdings in Sachen Erbschaftssteuer heiß: "Die Ungleichbehandlung von Aktienvermögen, Barvermögen, Betriebsvermögen, Grundstücken und so weiter halte ich für einen Skandal. Sie ist mit keiner Vorstellung von Steuergerechtigkeit zu vereinbaren," wettert er. Generell sollte sich die Höhe der Besteuerung am Motiv der Erblasser orientieren: bei altruistischen Erbschaften würde der Staat weniger kassieren. Auch diese Idee wird sich die SPD wohl kaum zu eigen machen.

Weitere Informationen unter: www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de

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