SPD-Zukunftskonvent
„Es kommt auch wieder die Sonne raus“

SPD-Chef Kurt Beck spricht in Nürnberg seiner Partei Mut zu und ruft zu Einigkeit auf. Um die Reihen zu schließen, setzt er auf den ältesten Volkstribunen-Trick der Welt: Einschlagen auf die Gegner, die Union.

BERLIN. Den älteren Herrn im hellen Sommeranzug hält es kaum auf dem Stuhl, bis er endlich seine Fragen an SPD-Vizechefin Andrea Nahles und Arbeitsminister Olaf Scholz stellen darf: „Ich bin Dachdeckermeister aus Baden-Württemberg und in der Kommunalpolitik aktiv", stellt er sich vor. „Wenn wir für höhere Löhne sind: Wieso nehmt Ihr beim Bund und in den Kommunen immer den billigsten Anbieter?“

Es sind die nahe liegenden Fragen, nicht die Linkspartei, mit denen die SPD-Basis ihre Führungsleute in den Diskussionsforen des Zukunftskonvents konfrontiert.

Kurz darauf prämiert Generalsekretär Hubertus Heil im Plenum drei Videofilme junger SPD-Mitglieder. Den ersten Preis bekommt ein Clip, in dem eine Putzfrau zu den Klängen von „Spiel mir das Lied vom Tod“ in den Kampf um die Reinheit eines Parkplatzklos zieht – für 3,80 Euro die Stunde.

Das Meinungsspektrum der 3 000 Funktionäre, die am Samstag der Einladung von SPD-Chef Kurt Beck nach Nürnberg gefolgt sind, reicht von Weltuntergangs-links bis Westerwelle-liberal, und eigentlich ist es erstaunlich, dass diese Volkspartei mit drei Flügeln auskommt – der Linken, dem pragmatischen Netzwerk und dem rechten Seeheimer Kreis. Nach Wochen des Streites um den Umgang mit der Linkspartei, der die SPD in jüngsten Umfragen auf 22 Prozent gedrückt hat, eint die Basis nurmehr eines: die Angst vor der Bedeutungslosigkeit. „Die Flügel werden ihre Kämpfe jetzt einstellen“, zeigt sich der Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach überzeugt: Es gehe darum, Wahlen zu gewinnen.

Nichts kommt daher an der Basis so gut an wie Becks Appelle zu Geschlossenheit. Die SPD lasse sich nicht fragen, ob sie für Leistungsträger oder sozial Schwache sei. „Es gibt nur ein Sowohl als auch“, ruft Beck den Parteifreunden zu. „Es geht nicht um Macht in der Sozialdemokratie, sondern um Macht für die Sozialdemokratie“, sagt er unter Applaus und Fahnenschwenken. Der Vorstand steht dabei im Wortsinne hinter ihm: Für die Jüngeren aus der Führungsspitze hatte die Parteitagsregie Stehplätze hinter der Stuhlreihe für Becks Stellvertreter und die älteren Führungskräfte vorgesehen. Die SPD habe in ihrer 145-jährigen Geschichte immer kämpfen müssen, mahnt Beck. Und verloren habe sie, wenn sie nicht geschlossen auftrat. Die Selbstschwächung der SPD durch Spaltung in der Weimarer Zeit habe zum Aufstieg der Nationalsozialisten beigetragen.

Für die Erinnerung an die Geschichte der ältesten Partei Deutschlands und die Absage an eine Koalition im Bund mit der Linkspartei loben viele Zuhörer Becks Rede – ebenso wie für seine klare Position für Koalitionen mit Grünen und FDP. Die Jahre der sozialliberalen Koalition von 1969 bis 1982 und die „Verantwortungskoalition“ mit den Grünen von 1998 bis 2005 seien jeweils „eine gute Zeit gewesen“, so Beck.

„Es war eine gute Rede“, sagt der linke Abgeordnete Niels Annen anschließend. Mit minutenlangem Applaus und einer heftigen Umarmung seiner Stellvertreterin Nahles wird Beck belohnt.

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