Speaker's Corner: Geiz ist nicht geil!

Speaker's Corner
Geiz ist nicht geil!

Die Werbung hat die Konjunkturflaute entdeckt: Spar- und Sonderangebote locken an allen Ecken. Doch Geld, das nicht ausgegeben wird, kann auch nicht investiert werden. Ob Geiz wirklich "geil" ist, fragt Dr. Michael Träm (*) , A.T.Kearney-Chef für Zentral-Europa.

Wer dieser Tage eine Zeitung aufschlägt oder beim Fernsehen in den Werbeblock eines Privatsenders gerät, wird das sparsam bekleidete Mädel kennen, das dem Betrachter die Worte "Geiz ist geil" entgegen schreit. Und sollte dieses Mädel gerade mal nicht abkömmlich sein, laden uns überdimensionierte Prozent-Zeichen, Sonderverkäufe, Happy-Hour-Angebote oder supergünstige Hamburger-Offerten dazu ein, unser sauer verdientes Geld zu sparen. Geiz ist nicht nur "geil" - Geiz ist auch auf dem besten Wege, Zeitgeist zu werden.

Könnten Begriffe Karriere machen, so wäre die Karriere des Geizes zweifellos beachtlich. Vor rund 1600 Jahren nahm der griechische Theologe Evagrius von Pontus den Geiz (avaritia) in seinen ersten Katalog der acht Todsünden auf. Als Papst Gregor I. zweihundert Jahre später die Liste des Evagrius auf den heute noch gültigen Kanon der sieben Todsünden zusammenstrich, gehörte der Geiz auch weiterhin dazu. Leser von Dantes divina comedia werden sich erinnern, dass die Sünde der avaritia im vierten Kreis der Hölle geahndet wird.

Da es nicht alltäglich ist, dass sich die wirtschaftliche Perspektive mit der Weltsicht der katholischen Kircheväter deckt, gestatten Sie mir bitte, noch etwas im Bild zu bleiben: Tatsächlich scheint sich die deutsche Wirtschaft derzeit mindestens im vierten Kreis der Hölle zu befinden.

Der vierte Kreis der Hölle

In ihrem unlängst vorgelegten Jahreswirtschaftsbericht musste die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr um 0,5 Prozentpunkte auf 1% zurückschrauben und gab unumwunden zu, dass sie in diesem Jahr mit 4,2 Millionen Arbeitslosen rechnet. Die Zahl der Unternehmensgründungen liegt in Deutschland derzeit rund 20% unter dem Welt-Durchschnitt und nur der Rekord-Ausfuhrüberschuss von 127 Mrd. Euro verhinderte im abgelaufenen Jahr, dass Deutschland die Lehrbuch-Kriterien einer Rezession erfüllte.

Grund für die klamme Lage der deutschen Wirtschaft ist in der Tat der Geiz: Private Haushalte verzichten aus Existenzangst auf Konsum, wo immer das möglich ist. So blieb das Weihnachtsgeschäft im vorigen Jahr deutlich hinter den Erwartungen zurück. Am Auto werden überfällige Reparaturen aufgeschoben, wie TÜV-Geschäftsführer Lutz Wessely anlässlich der Präsentation des TÜV Auto-Report 2003 am 28. Januar zu Protokoll gab. Der "alltägliche Luxus" wie der gemeinsame Restaurant- oder Kinobesuch wird gestrichen und die Umsatzrekorde, die Discounter wie Aldi oder Lidl melden, zeigen deutlich, dass auch Markenprodukte inzwischen verzichtbar wurden.

Die Kettenreaktion

Dieser Konsumverzicht der privaten Haushalte schlägt natürlich auf die Wirtschaft durch. Das Statistische Bundesamt meldete für den Handel im abgelaufenen Jahr einen Umsatzrückgang von 6,3% - und Waren, die nicht verkauft werden, werden auch nicht produziert. Also ist abzusehen, dass auch die Produktionszahlen weiterhin stagnieren oder gar zurück gehen werden. Investitionen in die Modernisierung von Unternehmen, in neue Fertigungsstätten und letztlich in Arbeitsplätze werden aufgeschoben oder ganz gestrichen.

Schließlich ist auch der Staat betroffen, denn Mehrwert, der nicht erwirtschaftet wird, und Arbeitslöhne, die nicht gezahlt werden, können nicht besteuert werden. So wird sich der Staat gezwungen sehen, rigide Sparprogramme aufzusetzen und seinerseits Investitionen aufzuschieben oder zu streichen - mit wiederum fatalen Konsequenzen für die Gesamtwirtschaft und für den einzelnen Bürger.

Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um begründete Sparsamkeit, es geht um Geiz. Löhne, Gehälter und private Vermögen haben sich schließlich in den vergangenen Jahren nicht in Luft aufgelöst, sie werden nur nicht mehr ausgegeben. Um noch einmal das Statistische Bundesamt zu bemühen: Die privaten Konsumausgaben nahmen im Jahr 2002 - wie schon im Vorjahr - schwächer zu als das verfügbare Einkommen, es wurde also verstärkt gespart (2002: + 3,0%, 2001: + 6,7%).

Es fehlt also nicht am Geld, es fehlt am Vertrauen in die Zukunft. Wenn der private Konsument wieder konsumieren soll, braucht er positive Signale, die ihn überzeugen, dass es wieder aufwärts geht.

"Geiz ist geil" ist auf jeden Fall das falsche Signal.

(*) Dr. Michael Träm ist Sprecher der Geschäftsleitung von A.T. Kearney Central Europe. Lesen Sie mehr über den Zentral-Europa-Chef von A.T. Kearney in seinem Portrait weiter ...

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