Special: 60 Jahre BRD
Baby-Boomer gegen Baby-Buster?

Die Demografie unterwirft auch die deutsche Wirtschaft dramatischen Veränderungen. Das Wirtschaftswunderland von einst wird zur Rentnerrepublik. Alt gegen Jung, Baby-Boomer gegen Baby-Buster – zwischen diesen Polen bewegt sich 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik die Debatte über den demografischen Wandel.

DÜSSELDORF. Die Zahl der Deutschen schrumpft, welche Katastrophe! Ein Krieg der Generationen ist die Folge, Alt gegen Jung, Baby-Boomer gegen Baby-Buster. Die Zahl der Deutschen schrumpft, na und? Kein Wohnungsmangel mehr, keine überfüllten Klassenzimmer, weniger Staus - und statt einer Ausbildungsmisere rote Teppiche, die für Lehrlinge ausgerollt werden.

Zwischen diesen Polen bewegt sich 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik die Debatte über den demografischen Wandel. Seit Mitte der 60er-Jahre ist die Geburtenrate so stark gesunken, dass jede Kindergeneration heute etwa ein Drittel kleiner ist als die ihrer Eltern. Diese Entwicklung kann Deutschlands Wirtschaft ins Mark treffen. Was die Alterung der Gesellschaft für die Rentenkassen und das Wachstum bedeutet, wird spätestens in zehn bis 20 Jahren mit aller Macht sichtbar werden, wenn sich die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand verabschieden.

Jene Baby-Boom-Generation, die in den 50er- und 60er-Jahren zur Welt kommt, wird mitten ins Wirtschaftswunder hineingeboren. Das Bruttoinlandsprodukt wächst mit seitdem nie wieder erreichten Raten, es herrscht Vollbeschäftigung, in jedem dritten Haushalt steht bereits ein Fernseher. Die Deutschen gönnen sich wieder was - und setzen Nachwuchs in die Welt.

1,36 Mio. Kinder werden 1964 geboren. Doch mit diesem Rekordhoch endet das "goldene Zeitalter von Ehe und Familie". Die Baby-Boomer gehen lieber zum Anti-Vietnamkriegs-Happening, als den Abend an der Wiege zu verbringen. Die Pille hilft den Frauen bei der Emanzipation, beschert der Pharmaindustrie neue Umsätze und Deutschland den Geburten-Knick. Seit Anfang der 70er-Jahre sterben mehr Bundesbürger, als Babys geboren werden. 2008 kamen in Deutschland nur noch rund 675 000 Kinder zur Welt.

Für die geburtenschwachen Jahrgänge nach dem Baby-Boom - die Generation X oder die Baby-Buster - bedeutet der demografische Wandel eine doppelte Bürde. Während Massenarbeitslosigkeit oder die berufliche Patchwork-Biografie für ihre Eltern noch Fremdwörter waren, hangelt sich die "Generation Praktikum" von Job zu Job. Wer noch Steuern und Sozialabgaben zahlt, tut dies nicht nur für sich und seine Kinder, sondern füllt auch die Rentenkassen für Ältere oder Arbeitslose auf. In den Ohren dieser Generation klingt Norbert Blüms Versprechen von der "sicheren Rente" nur noch wie blanker Hohn. Zwei von fünf Bundesbürgern werden 2050 älter als 60 Jahre sein. Kommen heute noch knapp vier Erwerbstätige auf einen Rentner, sind es dann nur noch zwei - trotz Rente mit 67 und der familienpolitischen Initiativen der Bundesregierung.

Die Wirtschaft steht angesichts dieser Entwicklung vor gigantischen Herausforderungen. Der drohende Fachkräftemangel wird sich nur durch ein höheres Rentenalter, verkürzte Ausbildungszeiten und Zuwanderung verhindern lassen. Sollen das Renten- und das Gesundheitssystem nicht kollabieren, müssen sie stärker als geplant vom Berufsleben abgekoppelt werden. Die alternde Gesellschaft verlangt ganz neue Produkte und Dienstleistungen, die Werbewirtschaft wird sich auf eine neue Zielgruppe einstellen müssen. Wegen stark steigender Sozialausgaben und weil die Menschen für das Alter sparen, sinkt die Kaufkraft. Und wenn die Firmen erst mal den Konsumstreik spüren, senken sie auch ihre Investitionen.

Wie stark der demografische Wandel letztlich auf die Wirtschaft durchschlägt, hängt davon ab, wie sich Gesellschaft und Politik vorbereiten. Angesichts der Größe der Herausforderung werden die Kinder in 30 oder 40 Jahren vielleicht nur lachen, wenn ihnen ihre Großeltern von der heutigen Wirtschaftskrise erzählen.

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