Special: 60 Jahre BRD
Neues deutsches Selbstbewusstsein

Mit einem Liter Spezialbier pro Person und Tag zieht sich ein Expertengremium im August 1948 auf die Herreninsel im Chiemsee zurück und brütet zwei Wochen lang über einer neuen Verfassung für Deutschland. Ein knappes Jahr später, am 8. Mai 1949, verabschiedet der Parlamentarische Rat das Grundgesetz und schafft damit die rechtlichen Grundlagen für den Wiederaufstieg des Landes. Ein Rückblick.

DÜSSELDORF. Elf Wachtmeister und ein Polizeiobermeister stehen sich die Beine in den Bauch - Tag für Tag, Monat für Monat. Ihr hoheitlicher Auftrag: Sie sollen das Bonner Naturkundemuseum Koenig schützen, in dem der Parlamentarische Rat seit dem 1. September 1948 an einem Grundgesetz für Westdeutschland arbeitet. Doch nichts geschieht. Demonstranten, Provokateure? Fehlanzeige.

Das Volk nimmt kaum Notiz von den Weichenstellungen des Parlamentarischen Rats - den 65 Abgeordneten schauen nur ausgestopfte Giraffen über die Schulter. Das Desinteresse des Volks ist das eine, die starken Zweifel des Parlamentarischen Rats an der demokratischen Reife der Deutschen das andere. Wenn eines charakteristisch ist für das Grundgesetz, dann ist es die Skepsis gegenüber dem Volk, das jahrelang dem "Führer" zugejubelt hatte. Die Abgeordneten arbeiten deshalb an einer Staatsnotbremse gegen einen möglichen Rückfall in die Diktatur.

Die Bürger haben andere Sorgen. Nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948 ist das Geld knapp. Außerdem weckt die von den Sowjets nur vier Tage später verhängte Berlin-Blockade neue Kriegsängste. In den drei Westzonen sieht man die Beratungen des Parlamentarischen Rats als Strafarbeit an, den Besiegten von den westlichen Siegermächten aufgebürdet. Am Ende, so die vorherrschende Meinung, wird ohnehin ein Diktat der Alliierten stehen.

Doch davon kann keine Rede sein. Amerikaner, Briten und Franzosen geben nur das Startsignal für die Geburt der Bundesrepublik - mit den "Frankfurter Dokumenten", die sie am 1. Juli 1948 den westdeutschen Ministerpräsidenten überreichen. Danach soll eine westdeutsche Nationalversammlung eine demokratische Verfassung auf föderaler Grundlage ausarbeiten, die per Volksabstimmung in Kraft gesetzt oder abgelehnt würde. Die Reaktion der Ministerpräsidenten? Sie lehnen zentrale Vorgaben der Alliierten energisch ab.

Die meisten Regierungschefs sind zwar bereit, einen westdeutschen "Kernstaat" zu gründen, der wie ein Magnet auf die Ostzone wirken soll. Dahinter steht aber weiter der Anspruch auf einen deutschen Nationalstaat. Deshalb soll statt einer Nationalversammlung nur ein von den Landtagen gewählter Parlamentarischer Rat ein provisorisches Grundgesetz erarbeiten. Konsequent stemmen die Ministerpräsidenten sich auch dagegen, dem Grundgesetz per Volksabstimmung das Gewicht einer endgültigen Verfassung zu geben.

Vor allem US-Militärgouverneur Lucius D. Clay fühlt sich düpiert. Im Kreis der Militärregierung beschimpft er die Deutschen als "Feiglinge". Doch letztlich beugen sich die drei westlichen Gouverneure den Einwänden - aus übergeordneten Gründen: Ihre Besatzungszonen sind Eckpfeiler des wirtschaftlichen Wiederaufbaus in Europa und Bollwerk gegen die bis an die Elbe reichende Macht der Sowjetunion. Ein harter Konfrontationskurs gegenüber den Ministerpräsidenten erscheint deshalb kontraproduktiv.

So setzen die deutschen Regierungschefs im August 1948 ein Expertengremium ein, das in aller Abgeschiedenheit auf der Herreninsel im Chiemsee tagt - ohne alliierte Beeinflussung und mit einem Liter Spezialbier pro Person und Tag. Nach knapp zwei Wochen legen die Sachverständigen die "Blaupause" für das Grundgesetz vor: einen 95 Seiten starken Entwurf mit 149 Artikeln, teils alternativ formuliert, wenn es Dissens gibt. Die strittigen Punkte von Herrenchiemsee, das zeigt sich dann ab September in Bonn, sind auch die Streitfragen im Parlamentarischen Rat.

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