Spekulationen
Obamas lautes Nachdenken über sein Kabinett

Beim Krisengipfel in Washington hielt sich der gewählte, aber noch nicht amtierende US-Präsident Barack Obama vornehm zurück und überließ George W. Bush allein die Bühne. Dennoch stahl er der Konferenz der G20 zumindest zeitweise die Schau.

WASHINGTON. Aus Chicago sickerte die Nachricht durch, dass möglicherweise Obamas Rivalin Hillary Clinton neue US-Außenministerin wird. Seit Tagen feilt Obama intensiv an der Struktur seines Kabinetts. Und ganz offensichtlich will er dabei einen Grundsatz einlösen, den er im Wahlkampf immer wieder betonte. So wie sein großes Vorbild Abraham Lincoln will auch Obama ein „Team aus Rivalen“ bilden. Lincoln hatte damals mehrere seiner harschesten Kritiker in die Regierung geholt. Die Wahl von Hillary Clinton wäre ein Beleg für genau diesen Kurs. Zudem wird sich Obama am heutigen Montag mit seinem republikanischen Konkurrenten John McCain in Chicago treffen. Ob er auch McCain in irgendeiner Form in die Regierungsarbeit einbinden will, ist ungewiss. Doch schon allein die Begegnung mit seinem politischen Gegner keine zwei Wochen nach der Wahl gilt als bemerkenswert.

Die Meldung über eine mögliche Berufung von Hillary Clinton löste bei den Demokraten allerdings zwiespältige Gefühle aus: Begeisterung bei den Hillary-Fans, die die ehemalige First Lady bis heute für die bessere Präsidentschaftskandidatin halten. Und Entsetzen bei vielen Obama-Unterstützern, die nicht vergessen haben, wie bitter der Zweikampf zwischen den beiden Demokraten in den Vorwahlen zuweilen ausgefochten wurde. Wie weit die Gespräche über eine Beteiligung von Hillary an der Regierungsarbeit gediehen sind, blieb am Wochenende jedoch noch offen. Denn Obama hatte sich auch mit Bill Richardson, Gouverneur von New Mexico und in diesem Jahr ebenfalls Mitbewerber um das demokratische Ticket, in Chicago getroffen. Neben Senator John Kerry aus Massachusetts gilt Richardson, der aus einer lateinamerikanischen Einwandererfamilie stammt, ebenfalls als Anwärter auf die Chefposition im State Department.

Die Berufung von Hillary Clinton hätte zwar den Vorteil, dass Obama eine im Ausland äußerst profilierte und beliebte Politikerin für die US-Außendarstellung gewinnen würde. Andererseits würde die Ernennung der 60-Jährigen auch viele Risiken bergen. So gilt zwar die Rivalität zwischen Obama und Hillary aus den Vorwahlen als ausgeräumt. Ob dies indes auch für Hillary Clintons Mann Bill zutrifft, ist unklar. Der hatte im Wahlkampf nur zögerlich für Obama geworben. Zudem ist kaum zu erwarten, dass sich Bill Clinton als Mann der Außenministerin völlig aus der Politik heraushalten würde. Als Vertreter seiner nach ihm benannten Stiftung könnten zudem Interessenkonflikte mit der Aufgabenstellung seiner Frau entstehen. Da Obama potenzielle Mitglieder seiner Regierung peinlich genau auf Lobbytätigkeit überprüfen lässt, wäre diese Hürde ohnehin nicht so einfach zu nehmen.

Beobachter vermuteten zudem, dass mit dem Einzug der Clintons der sorgfältig geschützte Teamgeist, der Obama zur Präsidentschaft geführt hat, gefährdet sein könnte. Anders als bei Obama war die Kampagne von Hillary stets von internen Anfechtungen und Kontroversen begleitet, die zum Teil tiefe Verwundungen hinterließen. Sollte diese Atmosphäre via Außenministerium Teil der Obama-Administration werden, dann fürchten viele um den positiven Schwung, den der Senator aus Illinois entfacht hat.

Inhaltlich waren die außenpolitischen Differenzen zwischen Clinton und Obama während der Vorwahlen deutlich geworden. So hat Hillary ihre Zustimmung zum Irak-Krieg aus dem Jahr 2002 nie zurückgenommen und sich auch sonst in Fragen der Diplomatie eher als „Falke“ gezeigt. Die von Obama geforderte offene Dialogbereitschaft mit Ländern, die unter Bush als „Schurkenstaaten“ gelten, hatte sie zum Beispiel nie übernommen. Wie sie eine solche Politik als Außenministerin glaubhaft transportieren soll, bliebe eine offene Frage. Immerhin: Hillary Clinton ist bekannt dafür, dass sie sagt, was sie denkt. Und dies ist eine Eigenschaft, die Obama von seinen Mitarbeitern ausdrücklich fordert. Dee Dee Myers, Bill Clintons frühere Regierungssprecherin, sagte dazu: „Man kann im Weißen Haus so leicht in einer Blase von Jasagern gefangen sein. Präsidenten aber brauchen die ehrliche Meinung von Menschen, die auch einmal anderer Ansicht sind.“ Hillary wäre eine solche Person.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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