Spekulationen über Indiskretion an der Schwedischen Akademie
Dubioser Verlagswechsel vor Bekanntgabe des Literatur-Nobelpreises

Unmittelbar nach Bekanntgabe des diesjährigen Literatur-Nobelpreises an den Chinesen Gao Xingjian hat in schwedischen Medien ein bitterer Streit über einen Verlagswechsel des Schriftstellers eingesetzt. In mehreren Zeitungen musste sich der Gao-Übersetzer Göran Malmqvist, der als Mitglied der Schwedischen Akademie den Nobelpreis mit vergibt, gegen den Vorwurf wehren, er habe vorab Informationen an einen Verleger weitergegeben. Gao wechselte zehn Tage vor Bekanntgabe des Preises vom schwedischen Forum- zum Atlantis-Verlag.

dpa STOCKHOLM. Malmqvist bestritt die Vorwürfe und sagte in der Zeitung "Expressen": "Ich habe nichts weitergegeben." Er bestätigte, dass er sich in der 18-köpfigen Akademie vehement für die Vergabe des Preises an den 60-jährigen Gao Xingjian eingesetzt habe. Die frühere schwedische Verlegerin des in Paris lebenden Autors, Annelie Eldh, meinte gegenüber "Expressen": "Ich habe zehn Tage vor der Bekanntgabe nur brieflich mitgeteilt bekommen, dass Atlantis die Rechte von Gao übernommen hat. Das war schon merkwürdig und entspricht nicht den Gepflogenheiten in der Branche." Das Blatt wies auch darauf hin, dass im neuen Verlag Gaos mehrere Mitglieder der Akademie eigene Bücher veröffentlichen.

"Ein Schatten fällt über den Preis"

Die Zeitung "Dagens Nyheter" berichtete ebenfalls ausführlich über den Verlagswechsel. Unter der Schlagzeile "Ein Schatten fällt über den Preis" hieß es am Freitag: "Es gibt eine Reihe von Indizien, die nachdenklich machen." In den kommenden Tagen werde noch "viel darüber gesagt werden".

Kurz vor der Vergabe des diesjährigen Nobelpreises für Literatur hatte der Steidl Verlag in Göttingen mitgeteilt, dass die Auflagen von Büchern des letztjährigen Preisträgers Günter Grass sich nach Bekanntgabe des Nobelpreises im Durchschnitt verdrei- bis vervierfacht hätten. Der Verkaufsumfang bei Auslandsrechten habe sich verachtfacht. Als geschätzten Mehrertrag für Grass-Bücher durch den Titel "Nobelpreisträger" nannte Verleger Gerhard Steidl 20 Mill. DM.

Vorwürfe über Vetternwirtschaft und die Verfolgung persönlicher, auch finanzieller Interessen sind in der Geschichte der ohnehin nicht unumstrittenen Schwedischen Akademie immer wieder aufgetaucht. Sie führten zusammen mit gegenseitigen öffentlichen Beschimpfungen Anfang der neunziger Jahrer unter anderem dazu, dass König Carl XVI. den damaligen Ständigen Sekretär Sture Allen zu sich bestellte und ermahnte, für die Wiederherstellung des guten Rufes der Akademie in der Öffentlichkeit zu sorgen, damit das für Schweden wichtige internationale Ansehen des Nobelpreises nicht in Verruf gerate.

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