Spekulationen um die Gründe – Aktienkurs bricht ein
Führungswechsel bei ABB löst Verunsicherung aus

Völlig überraschend ist Göran Lindahl als Chef des ABB-Konzerns zurückgetreten. Zudem veröffentlichte der Konzern Quartalszahlen, die leicht unter den Erwartungen lagen. Die Aktie gab deutlich nach. Nun muss der neue Chef Jörgen Centerman als erstes das zerbrochene Vertrauen wieder kitten.

ef/hst ZÜRICH/STOCKHOLM. Nach nur vier Jahren an der Spitze des Züricher Technologiekonzerns ABB AG übergibt Göran Lindahl völlig überraschend die Führung zum Jahreswechsel an Jörgen Centerman. Damit steht zum dritten Male seit der Fusion von Asea und BBC 1987 ein Schwede an der ABB-Spitze.

Die Personalentscheidung deutet auf den weiterhin bedeutenden Einfluss der Familien Wallenberg hin, deren Interessen durch Verwaltungsratspräsident Percy Barnevik, der von 1987 bis 1996 selbst an der Konzernspitze stand, vertreten werden. Zweiter Großaktionär ist die BZ Gruppe Holding AG von Martin Ebner. Der eidgenössische Bankier ist ebenfalls Mitglied des Verwaltungsrates.

Obwohl Lindahl den Rücktritt mit seiner 30-jährigen Tätigkeit für den Konzern- davon 15 Jahre als Mitglied der Konzernleitung- begründete, ist er mit 55 Jahren keineswegs im Pensionsalter. Wichtigster Grund für seine Entscheidung, den Führungsstab jetzt weiter zu reichen, ist seiner Aussage nach der weitgehende Abschluss der Umstrukturierung des Konzerns. Dabei spielte der Aufbau der Automatisierungstechnik zum größten Konzernbereich eine entscheidende Rolle.

Mit Centerman trete nun der Bereichsleiter an die Konzernspitze, der fähig sei, ABB auf die nächste Phase des von der IT-Revolution ausgelösten Wandlungsprozesses vorzubereiten, meinte der scheidende Konzernchef. Barnevik ergänzte, dass Centerman über den richtigen Hintergrund verfüge, um den Vorstoß in IT-gestützte Innovationen zu fördern, bei denen Wissen und Service von entscheidender Bedeutung seien.

Da Lindahl erst Ende des Jahres die Konzernführung übergibt und auch künftig Mitglied des Verwaltungsrates bleiben wird, sei ein reibungsloser Übergang gewährleistet, meinte Barnevik. Unterstrichen wurde ausdrücklich, dass der Führungswechsel keinen Einfluss auf die aktuelle Strategie oder die Erwartungen des Konzerns haben werde.

Bei den anglo-amerikanischen Anlegern wurde der Führungswechsel möglicherweise als Rauswurf, ähnlich wie zuletzt bei Lucent Technologies, interpretiert. Weder das harmonische Auftreten der Verantwortlichen vor der Presse, noch das aktuelle Ergebnis oder aber die Perspektiven des ABB-Konzerns boten dafür aber einen Anhalt. Auch gut informierte Kreise bei der schwedischen ABB-Tochter wiesen Gerüchte, Lindahl habe vorzeitig sein Amt aufgeben müssen, zurück. "Lindahl war viel zu erfolgreich als dass man ihn absetzen würde", erklärte ein ABB-Vertreter.

Nach Informationen des Handelsblatt ist es vielmehr denkbar, dass Percy Barnevik im kommenden Jahr seinen Rücktritt als Vorstandsvorsitzender bekannt geben wird und schon jetzt Lindahl als seinen Nachfolger auf die Aufgabe vorbereiten will. Nicht ausgeschlossen wurde auch, dass Lindahl eine andere Führungsaufgabe innerhalb der zur Wallenberg-Sphäre zählenden schwedischen Konzerne übernehmen könnte.

Auch die Nachfolge von Centerman als Chef der Konzernsparte Automatisierungstechnik wurde intern geregelt. Der Finne Jouko Karvinen, 43, bisher Leiter der Automotion Power Products, rückt nach.

Gleichzeitig mit dem Führungswechsel gab ABB die Ergebnisse der ersten neun Monate bekannt. Der Auftragseingang erhöhte sich um 6 % auf 19,39 Mrd. $. Besonders erfreulich für den Konzern war der Anstieg des Auftragsbestands zu Ende September um 15 % auf 15,26 Mrd. $. Deutlich höher lagen die Steigerungsraten mit 13 bzw. 26 %, wenn lokale Währungen als Berechnungsbasis zu Grunde gelegt werden.

Wegen des geringeren Auftragseingangs im vergangenen Jahr in den Bereichen Öl, Gas und Petrochemie sank der Konzernumsatz im Berichtszeitraum um 8 % - in Lokalwährungen um 1 % - auf 15,98 Mrd. $. Der Konzerngewinn stieg um 13 % auf 1,25 Mrd. $. Werden nur die weiter geführten Aktivitäten berücksichtigt, errechnet sich ein Plus von 16 % auf 848 Mill. $. Pro Aktie stieg der Reingewinn um 13 % auf 4,14 $. Auch für das Gesamtjahr werden ähnliche Steigerungsraten erwartet. Zwischen 2001 und 2003 soll der Umsatz dann um gut 6 % pro Jahr steigen. Der geplante Börsengang nach New York wurde auf das Jahr 2001 verschoben. ABB begründete dies mit den schwachen Märkten.

Analysten am Finanzplatz Zürich bewerteten die Zahlen als leicht unterhalb der Erwartungen. Sie dürften aber nicht entscheidend für den tiefen Kurseinbruch um 8,5 % auf den neuen Jahrestiefstkurs von 151 sfr bis zum frühen Nachmittag gewesen sein. Mit einem Minus von 22 % seit Jahresbeginn, zählen ABB-Aktien mittlerweile zu den schwächsten Vertretern im Schweizer Blue-Chip-Index SMI. Anfangsverluste wurden gestern zunächst teilweise wieder wett gemacht. Erst als amerikanische Anleger im weiteren Verlauf in den Handel eingriffen, wurden größere ABB-Aktienpakete zum Teil unlimitiert auf den Markt geworfen. Die Umsätze waren äußerst lebhaft.

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