Spekulieren auf Insolvenzkandidaten birgt hohe Risiken
Pleite-Firmen locken Zocker an

Die Insolvenzwelle erreicht die Börse. Mit den Aktien der betroffenen Firmen wird munter spekuliert. Kursbewegungen von 100 Prozent - am Tag - sind nicht selten. Nur besonders mutige Anleger sollten mitmischen.

FRANKFURT/M. Zahlungsschwierigkeiten, drohende Insolvenz, eventuelle Rettung, mögliche staatliche Bürgschaften, Pläne einer Restrukturierung: All diese Schlagworte lassen in diesen Tagen die Aktienkurse angeschlagener Unternehmen Achterbahn fahren. Gab es zwischenzeitlich ein Anzeichen von Rettung, ging es kurzfristig steil bergan. Folgte der Gang zum Insolvenzrichter, kam es zum Absturz. Viele Händler sind sich heute schon sicher: Bei erwarteten 40 000 Insolvenzen in diesem Jahr in Deutschland - das sind rund 25 % mehr als noch 2001 - wird das Thema auch die Börse stärker beschäftigen als bisher.

Für heftige Turbulenzen an den Aktienmärkten sorgte immer wieder die Ankündigung eventueller Landes- oder Bundesbürgschaften. Kaum wurde diese Möglichkeit der Finanzhilfe ins Spiel gebracht, schon explodierten die Kurse. Jüngstes Beispiel ist der inzwischen insolvente Thüringer Baustoff-Händler Mühl. Der meldete am 19. März, dass die Bundesländer Thüringen und Sachsen sowie der Bund unter bestimmten Umständen bereit seien zu bürgen. Schon Stunden vor dieser Meldung verdoppelte sich der Aktienkurs. Inzwischen ist Mühl zahlungsunfähig. Von Bürgschaften ist keine Rede mehr. Der Aktienkurs ist abgestürzt. "Mühl ist sicherlich ein Fall, den wir uns genauer anschauen werden". sagte Regina Nößner vom Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe) gegenüber dem Handelsblatt.

Ähnliche Fälle gab es im vergangenen Jahr bei den ebenfalls am Neuen Markt notierten Titeln Lipro und Metabox. Anfang August wurde im ersteren Fall eine Bürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen ins Spiel gebracht. Dafür wollte das kurze Zeit später insolvente Unternehmen sogar seinen Firmensitz von Berlin nach NRW verlegen. Im Fall Metabox sollte das Land Niedersachsen mit 1,5 Mill. DM unter die Arme greifen. Nicht rückzahlbare Zuschüsse für ein Forschungsprojekt, hieß es drei Tage vor Heiligabend. Auch hier wurde nichts aus der angekündigten Bescherung.

Diese Szenarien zeigen, dass die Begriffe "Bürgschaft" und "staatliche Hilfe" in Zusammenhang mit angeschlagenen Unternehmen eine magische Anziehungskraft auf Zocker ausüben. "Solche Meldungen verblenden viele Aktionäre, weil sie gar nicht die Infos haben, um diese richtig einzuschätzen", kritisiert Marc Tüngler von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) das muntere Treiben. Eine Bürgschaft rette kein Unternehmen. Zudem zeigten die genannten Beispiele, dass mit dem Begriff an den Aktienmärkten inzwischen auch Missbrauch betrieben werde, meint Tüngler. Anleger sollten mit entsprechenden Meldungen sehr kritisch umgehen und sich keinesfalls von Gerüchten leiten lassen. Dem möglichen Gewinn stehe ein hohes Ausfallrisiko gegenüber.

Ein besonders dreistes Spiel trieb erst gestern die mittlerweise nicht mehr insolvente Letsbuyit.com mit den Anlegern. Der Gewinn sei im vergangenen Jahr um 300 % auf 1,3 Mill. Euro gesteigert worden, meldete die Online-Einkaufsagentur. Der Kurs des Penny-Stocks stieg nach dieser unerwarteten Erfolgsmeldung prompt um 30 %. Markus Straub von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) bezeichnete die Meldung jedoch schlicht als "falsch". Gemeint sei wohl lediglich der Rohertrag. Tatsächlich sei ein erheblicher Verlust erwirtschaftet worden. Letsbuyit sei bereits mehrfach durch dubiose Meldungen aufgefallen.

Doch nicht nur mit den Aktien möglicher Pleitekandidaten aus dem Neuen Markt wird munter gezockt. Auch die Aktien prominenterer Insolvenzfälle der letzten Wochen weisen - wenn auch nicht in diesem Maße - Besonderheiten im Verlauf auf. Beispiel Holzmann: Als am 19.3. von Bankenseite angeblich Bewegung in das Tauziehen um den kurz vor der Insolvenz stehenden Baukonzern kam, schnellte die Aktie rund ein Drittel nach oben. Vorher hatte sie innerhalb von zwei Tagen 40 % an Wert verloren hatte. Die so geschürte Hoffnung entpuppte sich bekanntlich als Strohfeuer. Trotzdem haben auch hier einige wenige Daytrader gutes Geld verdient - die breite Masse der Anleger hat drauf gezahlt.

Rechtliche Schritte müssen die Insolvenzunternehmen wegen der Ausschläge ihrer Aktie kaum befürchten. "Wir prüfen lediglich den Insidertatbestand. Eine mögliche Manipulationsabsicht ist erst unser Thema, sobald das IV. Finanzmarktförderungsgesetz in Kraft tritt", sagt Regina Nößner vom Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel.

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