Spiegel für mehr Zivilcourage
Mehr als 100.000 Teilnehmer bei Demonstration gegen Rechts

Mehr als 100.000 Menschen haben am Donnerstag an der größten Demonstration gegen Rassismus und Gewalt in Berlin seit 1992 teilgenommen.

AP BERLIN. Mehr als 100.000 Menschen haben am Donnerstag an der größten Demonstration gegen Rassismus und Gewalt in Berlin seit 1992 teilgenommen. Bundespräsident Johannes Rau rief bei der Kundgebung anlässlich des 62. Jahrestages der Pogromnacht zum gemeinsamen Kampf gegen den Rechtsextremismus auf. "Arbeiten wir für ein Deutschland, in dem wir ohne Angst verschieden sein können und das wir deshalb auch lieben können", sagte er laut vorab veröffentlichtem Redetext bei der Abschlusskundgebung vor dem Brandenburger Tor. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, appellierte an die Menschen in Deutschland, mehr Zivilcourage zu zeigen. Er sei überzeugt, dass die Mehrheit Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit ablehne. "Aber diese Mehrheit darf nicht länger schweigen, sie darf nicht länger wegschauen, sie darf nicht länger die Vorgänge in unserem Land verharmlosen", hieß es im Redemanuskript.

Zu der Demonstration unter dem Motto "Wir stehen auf für Menschlichkeit und Toleranz" hatten alle im Bundestag vertretenen Parteien, Gewerkschaften, Arbeitgeber und mehr als 200 Prominente aufgerufen. Udo Lindenberg, Steffi Graf und Jan Ulrich zählten zu den Teilnehmern. Bundespräsident Rau, Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse legten zu Beginn der Kundgebung bei einer Gedenkfeier vor der neuen Synagoge in Berlin-Mitte Kränze nieder. Von dort aus zogen die Demonstranten zum Brandenburg Tor. Der Bundestag hatte zuvor seine Plenarsitzung wegen der Demonstration unterbrochen. Auch einige Unternehmen hatten Mitarbeitern frei gegeben, um ihnen die Teilnahme zu ermöglichen. Rau bezeichnete die antisemitischen und fremdenfeindlichen Gewalttaten der letzten Wochen und Monate als "Schande für unser Land". Wer andere verfolge oder erschlage, "der ist ein Feind des eigenen Landes". Die Täter behaupteten gern, dass sie im deutschen Namen handeln würden. "Das ist eine Beleidigung für unser Vaterland und für alle anständigen Deutschen", sagte der Bundespräsident. Er betonte, dass Patriotismus niemals mit Nationalismus verwechselt werden dürfe. "Ein Patriot ist einer, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist einer, der die Vaterländer der anderen verachtet."

Die Berliner Demonstration bezeichnete Rau als ein Zeichen nach innen und außen. Er betonte aber auch, dass solche Signale das praktische Handeln im Alltag nicht ersetzen könnten. Die zahlreichen Initiativen gegen Rechtsextremismus und Gewalt rief er dazu auf, in ihrem Einsatz nicht nachzulassen.

Spiegel warnt vor verbalem Zündeln

Spiegel rief die Politiker dazu auf, ihre "populistische Sprache" in der Debatte um die Einwanderungspolitik zu zügeln: "Überlegen Sie, was Sie sagen, und hören Sie auf verbal zu zündeln." Statt in der Einwanderungsdebatte von "Leitkultur" oder "nützlichen" und "unnützen" Ausländern zu reden, sollten Politiker dafür sorgen, dass der Artikel 1 des Grundgesetzes umgesetzt werde, in dem es heißt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar", sagte Spiegel.

Der Zentralratspräsident betonte, dass die Juden in Deutschland trotz der antisemitischen und fremdenfeindlichen Gewalttaten ihr Vertrauen zu den verantwortlichen Politikern in diesem Land und seinen Bewohnern nicht verloren haben. "Wir brauchen aber deutliche Signale, dass die nichtjüdische Bevölkerung in ihrer Mehrheit uns und unsere jüdischen Gemeinden in diesem Land haben wollen."

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