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„Spiegel“: Zahlreiche Steinzeit-Schädel falsch datiert

Zahlreiche auf die Steinzeit datierte Schädel in Deutschland sollen weit jünger sein als bislang behauptet. Der Frankfurter Anthropologe Prof. Reiner Protsch von Zieten habe bedeutende Fundstücke um zehntausende Jahre zu alt geschätzt.

dpa FRANKFURT/MAIN. Zahlreiche auf die Steinzeit datierte Schädel in Deutschland sollen weit jünger sein als bislang behauptet. Der Frankfurter Anthropologe Prof. Reiner Protsch von Zieten habe bedeutende Fundstücke um zehntausende Jahre zu alt geschätzt.

Das berichtete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" am Montag mit Verweis auf neue radiologische Datierungen der britischen Universität Oxford. Statt mehr als 30 000 Jahre seien die Schädel zum Teil nur wenige hundert Jahre alt. Das habe eine Überprüfung mit der Radiokarbon- Methode ergeben.

Sie beruht darauf, dass der Anteil der C-14-Atome in einem Fundstück mit dem Alter abnimmt. Verschiedene betroffene Museen bestätigten die Fehldatierungen, wiesen allerdings darauf hin, dass diese bereits seit Jahren bekannt seien. Der Forscher selbst bestritt im "Spiegel" die neueren Untersuchungsergebnisse.

Der Neandertaler von Hahnöfersand sei statt 36 300 nur 7500 Jahre alt. Die Frau von Binshof-Speyer sei nicht 21 300 Jahre alt, sondern habe 1300 vor Christus gelebt. Der Schädel von Paderborn-Sande sei nicht 27 400 Jahre alt, sondern der Mensch sei um 1750 nach Christus gestorben.

"Die Anthropologie muss jetzt ein neues Bild des anatomisch modernen Menschen in dem Zeitraum zwischen 40 000 und 10 000 zeichnen", sagte der Greifswalder Archäologe Thomas Terberger am Montag der dpa. Er und sein Neuwieder Kollege Martin Street hatten nach eigenen Angaben die Neudatierung angestoßen. Leider habe man nach dem "Aussortieren der faulen Eier" kaum noch bedeutende Menschenfunde aus dem Zeitraum zwischen 40 000 und 30 000, sagte Terberger. "Es ist Schaden angerichtet worden für die Wissenschaft."

Der stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft für Anthropologie, Prof. Carsten Niemitz (FU Berlin), hält die umdatierten Schädel hingegen für nicht so bedeutend. "Auf keinen Fall muss die Geschichte der Menschheit umgeschrieben werden." Der älteste deutsche Fund sei 500 000 bis 600 000 Jahre alt. "Dagegen sind die ausgeschiedenen Schädel ganz modern."

Die Daten aus Oxford seien alle falsch, sagte Protsch von Zieten dem "Spiegel". Die Briten hätten Knochenproben nicht von Schellack gereinigt und so die Resultate verjüngt. Der Anthropologe war am Montag nicht für eine neue Stellungnahme zu erreichen.

Der ehemalige Leiter des Hamburger Helms-Museums, Ralf Busch, bestätigte die Fehldatierung des Schädels von Hahnöfersand. "Ganz offensichtlich hat das Frankfurter Labor unsauber und unkorrekt gearbeitet. Das ist wissenschaftlich ein Skandal." Die Erstdatierung sei bereits 2000 in Oxford überprüft und für falsch befunden worden. Auch dass der Schädel von Paderborn-Sande erst wenige Jahrhunderte alt ist, ist schon seit längerem bekannt. Deshalb liege er auch nicht in der Ausstellung, sondern in einem Magazin, sagte der Sprecher des Landschaftschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Frank Tafertshofer.

Protsch von Zieten sorgt bereits seit längerem für Ärger an der Universität Frankfurt: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Leiter des Frankfurter Instituts für Anthropologie wegen Unterschlagung. Seine eigene Universität hatte ihn angezeigt: Er soll versucht haben, eine Sammlung von mehreren hundert Affenschädel- Teilen zu verkaufen. Nach Darstellung der Universität gehören sie der Hochschule. Inzwischen hat der Institutsleiter Hausverbot. Die Ermittlungen dauern laut Staatsanwaltschaft an.

Im Jahr 2000 wurde Protsch von Zieten vom Amtsgericht Frankfurt zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er zu Unrecht einen zweiten Doktor- Titel geführt hatte. Ehemalige Mitarbeiter berichten im "Spiegel", wie der Forscher sich Datierungen einfach ausdachte. Unter Kollegen sei "protschern" als Synonom für hinbiegen verwendet worden.

In der Gesellschaft für Anthropologie gilt Protsch von Zieten als schwieriger Mensch. Seine wissenschaftliche Integrität sei jedoch bisher nicht angezweifelt worden. Wenn sich der Vorwurf der Unterschlagung oder die hohe Zahl an Fehldatierungen bewahrheiteten, würde er wohl aus der Fachgesellschaft ausgeschlossen, sagte ein Vorstandsmitglied.

Nachdem das Oxforder Labor drei gravierende Abweichungen festgestellt hatte, wollten Terberger und Street auch einen angeblich 31 200 Jahre alten Fund aus dem hessischen Kelsterbach untersuchen lassen. Doch der Schädel ist laut "Spiegel" verschwunden, wie die Hochschule feststellen musste. Weder die Universität noch das beschuldigte Institut wollten sich bis zum Montagabend zu den Vorwürfen äußern.

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