Spiele-Industrie und Filmstudios arbeiten Hand in Hand
Hollywood spielt auf dem Computer

Gerhard Florin, Europachef des amerikanischen Spielegiganten Electronic Arts, hat klare Vorstellungen vom Engagement seines Unternehmens in Hollywood. Spätestens Februar 2004 soll in der kalifornischen Metropole das zweitgrößte Entwicklungsstudio des Unternehmens fertig sein. Rund 800 Kreative sollen dort Hand in Hand mit der Filmindustrie Kinolizenzen in Videospiele umsetzen

LEIPZIG. "Wir wollen schlicht einer der attraktivsten Arbeitgeber in Los Angeles werden." Gerhard Florin, Europachef des amerikanischen Spielegiganten Electronic Arts, hat klare Vorstellungen vom Engagement seines Unternehmens in Hollywood. Electronic Arts (EA) ist mit 2,6 Mrd. $ Umsatz weltgrößter Hersteller und Verleger von Video- und Computerspielen.

Spätestens Februar 2004 soll in der kalifornischen Metropole das zweitgrößte Entwicklungsstudio des Unternehmens fertig sein. Rund 800 Kreative sollen dort Hand in Hand mit der Filmindustrie Kinolizenzen in Videospiele umsetzen. "Das ist die größte Investition von EA in der jüngeren Vergangenheit", sagt Florin.

Das Geschäft mit Hollywood- Spielen brummt. Rund 500 Mill. $ im Jahr setzte EA mit Spielen auf Basis von Filmlizenzen wie "James Bond", "Harry Potter" und "Der Herr der Ringe" um. Wettbewerber Atari kündigte auf der Fachmesse Games Convention in Leipzig an, nach dem Sommerhit "Enter the Matrix" nun auch "Terminator 3" und "Mission Impossible" als Spiel herauszubringen. "Enter the Matrix" ist nach Firmenangaben weltweit über drei Millionen Mal verkauft worden.

Die Spieleindustrie wird für Hollywood als Lizenznehmer immer interessanter, bestätigt auch Medienspezialist Walter Scheuerl von der internationalen Anwaltskanzlei Lovells in Hamburg. Scheuerl berät Filmunternehmen und kennt Chancen und Risiken: "Videospiele sind erstmals eine relevante Einnahmequelle für die Studios, die sich parallel zum Kinostart erschließen lässt." Pay-TV, Free-TV, DVD oder Video - das kommt alles erst mit zeitlicher Verzögerung.

Hollywood-Erfolge sind global zu vermarkten

Der Marketingetat für einen Erfolgsfilm - einen "Blockbuster" - liegt inzwischen im dreistelligen Millionenbereich. Der Werbedruck, der zum Kinostart erzeugt wird, kann nun doppelt genutzt werden: für den Film und für das Spiel. Davon profitiert auch die Spiele-Industrie: "Wir schließen mit keinem Studio ab, das nicht einen angemessenen Marketingdruck garantieren kann", sagt EA-Manager Florin.

Außerdem muss die Handlung stimmen: "?Titanic? ist ein toller Film - aber da kriegen sie kein Spiel draus." Was ihn und seine Branchenkollegen besonders freut: Hollywood-Erfolge sind global zu vermarkten. Florin: "Harry-Potter- Spiele verkaufen sich sogar in Japan."

Dafür steigen aber auch die Investitionen in die Spiele selber. Bei "Herr der Ringe" war das EA-Team vor Ort in Neuseeland. Original-Sequenzen des Films flossen in das Spiel ein. Bei "Enter the Matrix" drehte Atari - mit den Hauptdarstellern in den Filmkulissen - sogar Video-Sequenzen, die nur in den Spielen zu sehen sind.

Riskant ist aber oft das Timing solcher Mammutproduktionen: Atari wird zum Start des dritten Matrix-Films im November kein neues Spiel präsentieren können. Die werden erst 2004 fertig. Produktionsüberziehungen gehören in der Spiele-Industrie genauso zum teuren Alltag wie in Hollywood selber.

Disney-Studios spielen eine große Rolle bei Computerspielen

Die Traumfabrik nutzt die Spiele inzwischen aber auch zunehmend, um Pausen zwischen zwei Filmen zu füllen und so das Interesse an den Helden hoch zu halten: Beim neuen James-Bond-Spiel von EA, das im November herauskommt, wird es keinen Film geben. "Wir sind der Film", sagt Florin. EA kann mit den Original-Stimmen der Stars und ihren Abbildern arbeiten.

Für Andy Mooney, Chairman von Disney Consumer Products, spielen die Filme der Disney-Studios traditionell eine große Rolle bei Computerspielen. Jetzt nutzt er die neue Technologie dazu, alten Filmen neues Leben einzuhauchen.

Der Abenteuer- und Sci-Fi-Film "Tron" war vor 20 Jahren ein großer Kinoerfolg des Studios. Jetzt bringt Buena Vista Games das Computerspiel "Tron 2.0". Held ist der Sohn des damaligen Protagonisten und erlebt neue Abenteuer. Weltweiter Verkaufsstart war gestern in Leipzig. Über das Spiel hofft Disney, Tron den Jugendlichen wieder nahe zu bringen. Sollte das gelingen und sich eine neue Fangemeinde aufbauen, könnte Tron dann auch wieder den Weg zurück ins Kino finden - dank der Videospiele-Industrie.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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