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Spieleabend

Wer verstehen will, wie der durchschnittliche Argentinier und wahrscheinlich viele Lateinamerikaner sich die globalisierte Welt und insbesondere die Rolle des IWF vorstellt, der sollte das argentinische Brettspiel "Die unendliche Verschuldung" (La Deuda Eterna) ausprobieren.

Wer verstehen will, wie der durchschnittliche Argentinier und wahrscheinlich viele Lateinamerikaner sich die globalisierte Welt und insbesondere die Rolle des IWF vorstellt, der sollte das argentinische Brettspiel "Die unendliche Verschuldung" (La Deuda Eterna) ausprobieren. Das Spiel entstand während der jüngsten argentinischen Schuldenkrise und erfreut sich seitdem bescheidener Beliebtheit unter argentinischen Spielfreunden. Dies allerdings weniger wegen des Spieleffekts (das Spiel ist ziemlich zäh), als aufgrund der unterhaltsamen Weltsicht, die dahiner steckt.
Das Spiel hat Ähnlichkeit mit Monopoly. Das Brett ist aufgeteilt in die Südhalbkugel, wo man Rohstoffvorkommen kaufen kann, und die Nordhalbkugel, wo man die zugehörigen Industrien für die jeweiligen Rohstoffe kaufen kann. Die Bank ist der IWF, dessen Funktion hier weit über die des Hüters über die internationale Finanz- und Währungsstabilität hinausgeht. Vielmehr ist der IWF in diesem Spiel für den Verkauf der Rohstoffe sowie der Industrien zuständig, gibt den jeweiligen Unternehmern bzw. Spielern außerdem bereitwillig Gewinne und knöpft ihnen einmal pro Runde 10 Prozent Zinsen ab. Übersteigt die Schuld eine gewisse Höhe, wird abgewertet, das heißt der jeweilige Spieler bekommt einen Würfel mehr und muss also noch häufiger Zinsen zahlen. Ansonsten gibt es noch kleine Finessen, die meistens ebenfalls dazu dienen den Spielern Geld aus der Tasche zu ziehen. Ein Spielfeld heißt zum Beispiel "Staatstreich" und wer darauf kommt muss sein ganzes Geld abgeben.
Die Moral des Spiels ist zweierlei: Erstens: Wer einmal in die Schuldenspirale gerutscht ist, kommt nur schwer wieder heraus. Wenn einer im Zuge von zahlreichen Abwertungen, Zinszahlungen und sonstigen bösen Überraschungen sein ganzes Bargeld und auch die Goldreserven der Zentralbank (jeder Spieler hat drei Goldbarren) losgeworden und also pleite ist, hat er ausgespielt. Diese Erfahrung kennen die Argentinier.
Die zweite Moral des Spiels aber ist: Der arme Spieler kann nichts dafür. Schuld ist einzig und allein der böse IWF.


Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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