Spielergewerkschaft lässt sich Optimismus nicht nehmen
Fußballer hoffen auf frisches Geld

Arbeitslosigkeit ist in der Fußball-Bundesliga keine Seltenheit mehr. Mehr als 100 Profis der Ligen eins und zwei haben vor dem heutigen Start in die neue Saison keinen Arbeitgeber.

HB DÜSSELDORF. Unter der Berufskennziffer 8383 werden sie beim Arbeitsamt geführt. Hinter der Nummer verbergen sich Artisten, künstlerische Hilfsberufe und Berufssportler. Zu Letzteren zählt auch Christian Brand. Der ist 30 Jahre alt, in der Fußball-Bundesliga mehr als hundertfach erprobt und derzeit ohne Beschäftigung. Da er zu den prominenteren Arbeitslosen seiner Zunft gehört, wurde er zuletzt in diversen Gazetten als Fußballer im unfreiwilligen Ruhestand präsentiert. Vielleicht hilft es ja bei der Suche nach einem Arbeitsplatz.

108 Fußballer, die bislang den Ligen eins und zwei hier zu Lande zugerechnet wurden, sind vor dem heutigen Start in die neue Saison arbeitslos. "Man hat erkannt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen", meint Thomas Hüser. Der Sprecher der Vereinigung der Vertragsfußballspieler ist überzeugt davon, dass die jahrelang verwöhnten Profis ihre Lehren aus der ungewohnten Situation ziehen: "Sie denken verstärkt über Zukunftsoptionen abseits des Fußballs nach."

Hüser macht sogar einen "neuen Typ Bundesliga-Profi" aus: "Die Stan-Libuda-Abteilung wird immer seltener. Nach der Karriere ab in den Kiosk, das gibt?s nicht mehr." Der VdV-Mann verweist auf Spieler wie Oliver Bierhoff oder Michael Preetz, die sich per Fernstudium oder sonstiger Fortbildung neue berufliche Möglichkeiten schufen. Kiosk oder Lottoannahmestelle sind freilich auch deswegen keine Alternativen mehr, weil viele Berufsfußballer heutzutage nach dem Laufbahnende weitgehend ausgesorgt haben.

Fortbildungsmaßnahme für Kicker

Dennoch freut es Hüser, dass sich aktuell 69 Akteure an einer Fortbildungsmaßnahme versuchen, die vom Deutschen Fußball-Bund und der Spielergewerkschaft initiiert wurde und von verschiedenen Industrie- und Handelskammern angeboten wird. Die Balltreter werden dabei in die Geheimnisse von BWL, Marketing und Kommunikation eingeweiht und können Zertifikate als Sport- und Vereinsmanager erwerben. "Der Leidensdruck ist größer geworden und damit auch die Nachfrage signifikant gestiegen", sagt Hüser. "Die Kurse sind so konzipiert, dass man sie auch neben dem normalen Fußballbetrieb bewältigen kann." Von den Profis, die die Schulbank drücken, hat im Übrigen nur einer das Zeitproblem nicht - weil er arbeitslos ist.

Dass die VdV selbst, wie einige Nörgler meinen, das Einmaleins von Marketing und Kommunikation nicht beherrscht, hören sie im Verbandssitz in Duisburg natürlich nicht gern. In der heißen Phase der Kirch-Krise war von den Gewerkschaftlern jedenfalls wenig zu hören, die Gelegenheit zur Positionierung - so die Kritiker - wurde verpasst. "Wir haben kühlen Kopf bewahrt", entgegnet Hüser.

Die VdV ist ohnehin zunehmend mit dem Eintreiben von Außenständen für ihre Mitglieder beschäftigt. "Solche Sachen gibt es en masse", berichtet Hüser und nennt als Beispiel den in die Regionalliga abgestiegenen 1. FC Saarbrücken. Dort seien Juni-Gehälter nur noch teilweise ausgezahlt worden. Die Gewerkschaft hat zu den Klubverantwortlichen, darunter Ex-Verkehrsminister Reinhard Klimmt, Kontakt aufgenommen und hofft auf gütliche Einigung.

Spardiskussion erfasst auch Erste und Zweite Liga

Die allgemeine Spardiskussion hat jedoch längst auch die Erste und Zweite Liga erfasst und bei Klubs wie den VfB Stuttgart, Energie Cottbus, Alemannia Aachen oder Greuther Fürth zu Prämienstreichungen oder-kürzungen geführt. "Wir raten unseren Mitgliedern in solchen Fällen zur Gesprächsbereitschaft und bitten die Vereine um Transparenz in puncto Finanzen, um mögliche Kürzungen plausibel zu machen", erläutert Hüser. Schließlich sei niemand daran interessiert, "dass die Spieler drei Monate später mit dem Insolvenzverwalter sprechen müssen". Der VdV-Sprecher sagt aber auch: "Das alles geht nur bis zu einer gewissen Schmerzgrenze."

Denn eigentlich glaubt die Gewerkschaft nach wie vor an eine glorreiche Zukunft des Profifußballs in Deutschland. "Ich bin da sehr optimistisch. Vor allem wegen der Zentralvermarktung der Fernsehrechte, die auch die schwächeren Klubs in der Liga berücksichtigt", sagt Hüser, der generell festgestellt hat, "dass auch in euphorischen Zeiten die Realisten immer in den selben Vereinen anzutreffen waren".

Aus dem Markt ist die Euphorie aber offenbar noch immer nicht. Auch nicht bei der VdV. "Das Problem der Arbeitslosigkeit ist lösbar. Wenn in Kürze frisches Geld fließt und die Klubs wieder Heimspieleinnahmen haben, wird es noch Neuverpflichtungen geben", meint Hüser. Freilich drängt die Zeit. Nur noch bis Ende August können Transfers vorgenommen werden, dann erst wieder in der Winterpause.

Quelle: Handelsblatt

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