Spitze Bemerkungen Putins in Bushs „neuer Ära der Freundschaft“
Feature: Auf Dostojewkis Spuren

"Gott mit uns" prangt in großen Lettern ähnlich dem "In God we trust" auf Dollar-Noten über dem Andrejew-Saal im Kreml. Dort, wo 1896 im reich mit Gold verzierten Thronsaal mit Nikolaus II. der letzte russische Zar gekrönt wurde, schreiben heute George W. Bush und Wladimir Putin wieder Geschichte.

MOSKAU. Vor der politischen Führung beider Länder und 400 Journalisten aus aller Welt vereinbaren sie die Abrüstung von rund zwei Dritteln der strategischen Atomsprengköpfe und sichern sich eine "neue Ära der Freundschaft" und ein "Klima des Vertrauens" zwischen den beiden größten Staaten der Welt zu.

"Gott mit uns". Beide Staatslenker sind gläubige Christen, das verbindet sie wie ihre gemeinsame Herkunft als Provinz-Politiker, die aus wichtigen Regionen in die Schaltzentralen der Macht aufgestiegen sind. Bush und Putin verstehen sich, duzen sich. Der Russe lässt dem Amerikaner freundlich den Vortritt bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Aber nicht nur vor den Medien macht Moskau den Juniorpartner, auch in der offiziellen Politik: Erstmals, im Gefolge der Terroranschläge am 11.September hat der Kreml sich der Führungsrolle Washingtons in der Anti-Terror-Koalition unterstellt. Putin hat verstanden, dass es überhaupt keinen Sinn macht angesichts des weit hinterher hinkenden wirtschaftlichen und militärischen Potenzials Russlands, dem Weissen Haus die Führung streitig machen zu wollen.

Der junge Kremlherr, der auch körperlich ein kleines Stück kleiner ist als der Texaner, spielt die Rolle des Juniorpartners korrekt: Er müsse "gute äußere Bedingungen" schaffen, um die "normale Existenz unseres Landes zu sichern", hat Putin sein außenpolitisches Credo formuliert. Die Außenpolitik Moskaus sei keine Machtpolitik mehr, sondern diene ausschließlich der Erreichung wirtschaftlicher Ziele. Diese dürften aber nicht so hoch gesteckt werden, sonst stünde am Ende Enttäuschung. So merkt der Petersburger nur kurz an, dass Moskau zwar die Vernichtung der bis 2012 abzurüstenden Atomsprengköpfe gewollt hätte, der geschlossene Vertrag - der nur eine Einlagerung dieser Gefechtsköpfe vorsieht - aber ein "großer Schritt voran" sei. Niedrige Ziele lassen beide Seiten zufrieden dastehen.

Körperlich unterlegen und militärisch mit kleineren Muskeln ausgestattet, wird Putin aber zum Wadenbeißer: Immer wieder kontert er Bush mit spitzen Bemerkungen. Der Äusserung des Chefs des Weissen Hauses, Freunde bräuchten keine Raketen gegeneinander zu richten, pflichtet er pflichtgemäß bei, um dann nach zu schieben: Seine Militärs wüssten genau, wo welche eigenen und fremden Raketen stünden und wohin sie zielten. Auch Putins Bush-Eloge wirkt doppeldeutig: "Der größte Lobbyist der amerikanischen Wirtschaft ist der amerikanische Präsident", lobt er seinen Duz-Freund. "George sagt zwar immer, das ist unter unserem Niveau, solche Fragen zu besprechen. 'Aber ich muss dir sagen' leitet er dann minutenlange Monologe ein, warum ich folgende amerikanische Unternehmensvorschläge bedenken sollte."

Die neue Freundschaft trägt aber so, dass Putin zwar Enttäuschung erkennen lässt ob der immer noch nicht erfolgten Abschaffung der Handelshemmnisse des Westens gegen Russland, aber seinen Gast nicht verletzt: "Eure Boeings sind etwas teurer als die europäischen Airbusse", pariert der 49Jährige die Frage nach möglichen Käufen von US-Jets für Russlands Fluggesellschaften, um dann scherzend weitere ungelöste Fragen anzusprechen: "Sie wären viel billiger, wenn die USA unseren billigen Stahl und unser billiges Aluminium nehmen würden."

Bush hat Schwierigkeiten mit Putins Art

Der US-Präsident, dem man die Anstrengung beim Zuhören der Simultanübersetzung ansieht, kommt mit Putins Berti Vogts-Art kaum klar. Er kann den Gegner-Freund nicht umspielen. Er hätte es leichter mit dem ihm charakterlich wesentlich näheren Putin-Vorgänger Jelzin: Wie "Zar Boris" einst in Berlin dirigiert er bei seiner Ankunft zum ersten Russland-Besuch auf dem Moskauer Flughafen ein Orchester. Allerdings im Gegensatz zu Jelzin und seinen eigenen, wilden Jugendjahren nüchtern.

Die von Michail Gorbatschow und Helmut Kohl eingeleitete Ära der Männerfreundschaften wollen aber auch die beiden neuen Staatslenker fortsetzen: So werden sie mit ihren Ehefrauen Ljudmila und Laura nicht nur Putins Heimatstadt St.Petersburg besuchen. Der Kremlchef hat inzwischen mit dem Englisch-Lernen begonnen, um der "neuen Ära der Freundschaft" (Bush) mit den USA gerecht zu werden. Und auch Bush leistet seinen Beitrag, die Heimat seines Gastgebers besser zu verstehen: In seinem Reisegepäck liegt "Schuld und Sühne", das an der Newa spielende Meisterwerk Fjodor Dostojewskis. Es sei das einzige in Texas verkaufte Exemplar, spotten russische Witzemacher und spielen auf die oftmals durchschimmernde Unbeholfenheit Bushs an.

Die wichtigere Frage, ob beide Lager ihre Schuld am Kalten Krieg endlich so anerkennen, dass sie diesen endgültig beenden, blieb aber bis Gipfelende ebenso offen. Wie ob aus der Sühne ein gemeinsamer Aufbruch wird. Oder wie es Bush mit texanischer Offenheit gegenüber Putin formuliert hat: "Lass´ uns nicht wie Nixon und Breschnew sein. Seien wir einfach Bush und Putin und machen wir Geschichte selbst."

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%