Spitzenmanager treten zurück
US-Börsen spüren scharfen Gegenwind

Während die Nasdaq einen neuen Topmanager engagiert, bleibt die NYSE von den jüngsten Skandalen unbeeindruckt.

NEW YORK. Am späten Dienstag meldete die US-Computerbörse Nasdaq, dass künftig Christopher Concannon ihre Geschäftsstrategie bestimmt. Erst seit 12. Mai ist der neue Chef der US-Technologiebörse, Robert Greifeld, im Amt, doch mit Concannon hat er eine weitere zentrale Managementpositionen neu besetzt. Neben Concannon kam bereits Glen Wolyner vom Finanzsoftware-Spezialisten Flextrade. Er soll dem Nasdaq-Handelssystem Supermontage neuen Schwung geben. Drei bisherige Nasdaq-Manager erklärten dagegen ihren Rücktritt - darunter Vize-Chef Richard Ketchum, der bereits zum zweiten Mal bei der Besetzung eines Top-Postens übergangen wurde.

Experten werten die Berufung Concannons als Flucht nach vorn. Denn der 35-jährige Entwicklungsexperte kommt von der elektronischen Handelsplattform Instinet, die beim Handel mit den an der Nasdaq gelisteten Aktien längst ein höheres Volumen erreicht hat als die Nasdaq selbst. Concannon fädelte zudem bei Instinet die Übernahme des Konkurrenten Island ein. "Gut möglich, dass Greifeld mit Concannons Hilfe einen ähnlichen Coup plant", zitierte der Fernsehsender CNBC einen Broker.

Unzweifelhaft steht die Nasdaq unter Druck. Im ersten Quartal fiel der Ertrag der Computerbörse um 87,7 % - gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum auf nur noch 2,6 Mill. $. Doch die Computerbörse ist dringend auf gute Zahlen angewiesen, denn sie will mittelfristig selbst an die Börse gehen.

Experten sind sich dabei einig, dass die Probleme, vor denen die führenden US-Börsen stehen, zu einem großen Teil hausgemacht sind. So explodierten die Kosten während des Booms der 90er Jahre - und lassen sich nun in der Baisse nur schwer drücken. Nasdaq und New York Stock Exchange (NYSE) unterschätzten zudem die Konkurrenz durch elektronische Netzwerke (ECN). Erst spät lancierte die Nasdaq beispielsweise ihr automatisches Handelssystem Supermontage. Doch das hat seit der Einführung Marktanteile verloren.

Die NYSE hegt zwar keine Börsenpläne und ist auch immer noch erste Wahl für große Aktiendeals. Aber bei kleinen Orders attackieren die ECN inzwischen auch das so genannte Big Board. Dazu hat die weltgrößte Börse mit einem kapitalen Imageschaden zu kämpfen. Einige Makler, die so genannten Specialists, haben offenbar Aufträge nicht zum bestmöglichen Kurs ausgeführt, sondern kleine Differenzen zwischen Kauf- und Verkaufsorder genutzt, um selbst zu profitieren. Am Big Board werden eingehende Kauf- und Verkaufsaufträge nicht automatisch zusammengeführt. Statt dessen kontrolliert der Specialist das Orderbuch - ähnlich wie der Skontroführer an den deutschen Parkettbörsen - und führt die Kontrahenten von Hand zusammen.

Damit droht NYSE-Chef Richard "Dick" Grasso weiteres Ungemach. Der 56jährigen Kahlkopf hat sich stets für das Specialist-System stark gemacht. Ohne ihn liefe der Handel an der NXSE wie andernorts auch womöglich längst voll automatisiert.

Jüngst löste bereits das bekannt gewordene Jahresgehalt von Grasso Empörung aus. Er kassierte 2002 rund 10 Mill. $, womit er als Leiter einer quasi-öffentlichen Institution so viel verdiente wie die Chefs der großen US-Investmentbanken - und ein Vielfaches seiner Vorgänger. Der Börsenchef, der sich gern als Interessenvertreter für Kleinanleger präsentiert, hat offenbar Nachholbedarf in Sachen Unternehmensethik.

Doch trotz der Skandale glaubt am Big Board kaum jemand an einschneidende Reformen. Grasso, der in 35 Jahren innerhalb der NYSE Karriere machte, werde sich weiter durchwursteln, sagt ein Insider.

Die Probleme der US-Börsen.



  • Rückläufiger Aktienhandel.

    Sowohl die New York Stock Exchange als auch die Nasdaq leiden unter den sinkenden Umsätzen. Weil sie - anders als etwa die Deutsche Börse AG - keinen Terminhandel betreiben, profitieren beide Börsen nicht vom Boom in diesem Bereich.
  • Konkurrenz durch elektronische Marktplätze.

    Vollcomputerisierte Handelsplattformen jagen den traditionellen Börsen Marktanteile ab. Zuletzt verdichteten sich die Anzeichen, dass die Nasdaq womöglich einen ihrer neuen Rivalen kauft, um mithalten zu können.
  • Unsaubere Geschäfte.

    Bei der NYSE prüft die interne Aufsicht die Geschäfte einzelner Makler. Das löste neue Kritik am veralteten Handelssystem der NYSE aus. Doch auch beim Market-Maker-System der Nasdaq sehen Experten die Möglichkeit zum Missbrauch.



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