Spitzenvertreter der Finanzszene diskutieren Mitte Mai
Strengere Regeln für Analysten

Die Entwicklung von einheitlichen Verhaltensregeln für Analysten kommt voran. Am 16. Mai spricht ein Expertengremium über die Regierungsinitiative. Banken und Analystenvertreter sind von ihrer skeptischen Haltung abgerückt.

DÜSSELDORF. Das Projekt eines Verhaltenskodex für Analysten nimmt konkrete Formen an. Eine gesetzliche Richtlinie, vor der Analystenvertreter und Kreditinstitute gewarnt hatten, ist inzwischen vom Tisch: "Es soll ein freiwilliger Kodex werden, dessen Einhaltung aber überwacht und gegebenfalls auch sanktioniert wird", sagte Sprecherin Sabine Maass vom Bundeswirtschaftsministerium.

Die Forderung nach einem Verhaltenskodex überraschte im Januar die deutsche Finanzszene. Banken und der Analystenverband reagierten zunächst kritisch. Dagegen unterstützten Aktionärsschützer den Vorstoß aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

Bei ihrer nächsten Sitzung am 16. Mai wird die Börsensachverständigenkommission über die Initiative diskutieren. Das bestätigte Kommissionsmitglied und Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Ulrich Hocker. Die Kommission ist eine Spitzen- Beratungsgruppe beim Bundesfinanzministerium. Das Gremium hat bereits Initiativen zu den Themen Insiderhandel und Firmenübernahmen angestoßen. Zu den Mitgliedern zählen der Vorstandssprecher der Deutschen Bank Rolf-E. Breuer, der Vizepräsident der Deutschen Bundesbank, Jürgen Stark, ebenso wie Professor Wolfgang Gerke, Kapitalmarktexperte der Uni Erlangen-Nürnberg.

Gerke erstellt derzeit mit dem Chef des Deutschen Aktieninstituts, Rüdiger von Rosen, ein Gutachten zum Analystenkodex. Die vom Wirtschaftsministerium in Auftrag gegebene Expertise soll in einigen Wochen vorliegen. Sie wird als Basis für das weitere Vorgehen dienen.

Anfängliche Skepsis geht zurück

In der Finanzbranche schwindet indes die anfängliche Skepsis gegenüber dem Projekt. "Wir haben bereits vor Jahren eigene Standesregeln formuliert und immer gesagt, dass das nicht das Ende der Fahnenstange ist", sagte der Vorstandssprecher der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA), Fritz Rau. Derzeit überarbeitet der Interessenverband seine Richtlinien. Ursprünglich hatte die DVFA die Regierungsinitiative unter Verweis auf die bestehenden Standesregeln kritisch bewertet. Rau wendet sich weiterhin gegen eine "nationalstaatliche Überregulierung". Falls es doch zu einer gesetzlichen Regelung komme, solle diese auf europäischer Ebene erfolgen.

Einzelne Frankfurter Analysten begrüßen die Initiative ausdrücklich. Vom Handelsblatt befragte Großbanken wollten jedoch vorerst keine offizielle Stellungnahme abgeben. Sie fühlen sich indes auf Grund interner Standards (Compliance-Regeln) gut gewappnet. "Die hausinternen Richtlinien der Deutschen Bank dürften ohnehin über den angestrebten Mindeststandards liegen", sagt Andreas Neubauer, Chef der deutschen Aktienanalyse bei der Deutschen Bank. Gleiches gilt laut DVFA-Vorstandssprecher Rau für die meisten Großbanken.

Unklar ist noch, wer eine künftige Richtlinie überwachen soll. DSW-Vorstand Hocker fordert, dies müsse ein unabhängiges Gremium tun. So solle die DVFA als Interessenverband nicht die eigene Klientel kontrollieren. Mitglieder der Börsensachverständigenkommission verweisen zudem darauf, dass der Verband über eine GmbH auch gewerbliche Dienstleistungen anbietet. Auch deshalb sei die DVFA nicht das geeignete Forum für einen übergreifenden Kodex.

DVFA-Sprecher Rau sagte gegenüber dem Handelsblatt, der Verband wolle in erster Linie sein Fachwissen zur Verfügung stellen - unabhängig von der Art der Beteiligung. Im Übrigen sei es nicht ungewöhnlich, dass Verbände sich durch Serviceangebote statt über Spenden finanzierten.

Nur ein Bruchteil der Anlageurteile raten zum Verkauf

Eine Kritik von Praktikern an der bisherigen Diskussion lautet, sie sei zu stark auf Bankanalysten konzentriert. "Der Analystenkodex soll sich an alle Multiplikatoren der Branche richten", erwidert darauf Gutachter Gerke. Dazu zählten im Grund alle, die durch öffentliche Äußerungen Aktienkurse beeinflussen könnten.

Inhaltlich soll die Initiative die Unabhängigkeit von Aktienanalysten und seriöse Prognosen gewährleisten. Manche Anlagestrategen sind ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, weil ihre über-optimistischen Urteile sich als verfehlt erwiesen haben. Nur ein Bruchteil aller Anlageurteile sind Verkaufsempfehlungen. Aktionärsvertreter vermuten als Grund dafür Interessenkonflikte innerhalb der Banken. Denn die Kreditinstitute sind oft über Börsengänge und Fusionsberatung geschäftlich mit den Unternehmen verbunden, deren Aktien sie bewerten. Auch tauchte in Einzelfällen der Verdacht auf, Analysten hätten versucht, eigene Aktien "hochzuschreiben".

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