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Sport und Picknick

Auch wenn es gestern in Oxfordshire Nachtfrost gab - der Sommer ist da. Untrüglich, denn es wird wieder Cricket gespielt. Nirgends sind die Engländer mit sich und der Welt zufriedener als auf einem Cricket Feld, das durfte ich nun anlässlich...

Auch wenn es gestern in Oxfordshire Nachtfrost gab - der Sommer ist da.
Untrüglich, denn es wird wieder Cricket gespielt.

Nirgends sind die Engländer mit sich und der Welt zufriedener als auf
einem Cricket Feld, das durfte ich nun anlässlich eines sonntäglichen
Gespräch mit Outfielder Stephen Varney vom Kew Cricket Club lernen. Der
Platz liegt gleich beim botanischen Park von Kew und ist "einer der
schönsten in London", sagt Stephen. Man kann sich mit so einem
Outfielder auch während des Spiels ganz gelassen unterhalten. Nur
gelegentlich sieht er angestrengt in die Ferne, spannt plötzlich die
Muskeln an, entspannt dann wieder oder rennt unvermutet ein paar Dutzend
Meter, um eine bessere Fangposition zu haben, sollte der Batsman den
Ball in seine Richtung schlagen. Aber meistens ist es falscher Alarm.
Dann steht Stephen wieder mit lockerem Spielbein da, blinzelt in die
Sonne zum Wicket hinüber, wo Bowler und Batsmen, der Werfer und die
beiden Schläger, die Sache unter sich ausmachen. Im Sommer spielt er
jeden Sonntag, außer wenn es regnet und der Ball zu rutschig ist.

Alles sieht auf dem makellosen Cricket Rasen sonntäglich aus. Das
Teehäuschen, ein altes Friedhofstück neben dem Platz, die alten
Platanen, ringsum die Häuser aus dem 18. Jahrhundert. Hier wird seit
1733 Cricket gespielt. Wie alle Cricketspieler hat Stephen einen weißen
Pullover mit V-Ausschnitt und grün-braunen Randstreifen. Nur an der
weißen Flanellhose ist ein Grasfleck. Ansonsten die perfekte Idylle.

Die Gastmannschaft kommt aus Sutton und wird im Cricket Jargon
"Besucher" genannt. Von Gegnern zu sprechen, wäre nicht gentlemanlike.
Die "Besucher" sitzen auf der kleinen Holzterrasse und schauen zu, denn
nur die beiden Batsmen werden von ihrer Mannschaft gebraucht. Andere
Zuschauer gibt es nicht. Ein Cricketteam ist sich selbst genug.
Plötzlich fuchteln alle mit den Händen. "No Ball", hat der
Schiedsrichter gerufen, der in seinem weißen Kittel wie ein
Chemielaborant aussieht und den Wurf aus irgend einem geheimnisvollen
Grund für ungültig erklärt. Beim Score Board steht ein zweiter Chemiker
mit Strohhütchen und hängt die Zahlentafeln an.

Ist es nicht ein bisschen langweilig, so den ganzen Sonntag auf dem
Cricketplatz herumzustehen? Immerhin geht so ein Spiel sechs, sieben
Stunden. "Überhaupt nicht", sagt Stephen begeistert. "Beim Cricket
passiert ständig etwas". Es stellt sich heraus, dass er 28 ist, Beamter
bei Her Majesty's Prison Service. Personalabteilung im berüchtigten
Wormwood Scrubs Gefängnis in Westlondon, das schon bei Monty Python eine
Rolle spielt. Zweimal pro Woche trainiert er, denn "fit muss man beim
Cricket schon sein". Manchmal spielt er als Bowler, dann muss er, in
eigentümlich katapultartiger Verrenkung den Ball mit ausgestrecktem Arm
auf den "Striker" schießen. Spannend ist Cricket aber immer.

Um 12 ist Lagebesprechung der Mannschaft, gespielt wird von 13 bis 19
Uhr, mit einer halben Stunde "Tea", wobei auch Sandwiches gereicht
werden. Dann stellt sich Stephen wieder an den Spielfeldrand und wartet,
ob ein Ball in seine Richtung kommt.

Nie wurden Sport, Picknick und Sonntagsgestaltung so harmonisch
verbunden. Ich sehe noch ein bisschen zu. Es wird mir richtig friedlich
zu Mute. Ich denke an Kindheit und Jugend zurück, wo die Langeweile
irgendwie zum Sonntag gehörte. Als ob die Zeit still steht. Von Cricket
verstehe ich nichts. Aber ich beginne zu verstehen, warum Cricket die
perfekte englische Sonntagsbeschäftigung ist. Neben dem Besuch beim
Baumarkt. Oder der Autofahrt ans Meer, wo englische Ehepaare dann im
Auto sitzen, Thermosflasche auf dem Schoß, Sandwich in der Hand, und
schweigend übers Meer schauen.

ENDE


Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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