Sportliche Aspekte treten wieder einmal in den Hintergrund
Startschuss zur Doping-Diskussion

Lance Armstrong ist der Favorit auf den Gesamtsieg bei der am Samstag beginnenden 89. Tour de France, Erich Zabel soll das Grüne Trikot zum siebten Mal gewinnen. Doch die Schlagzeilen beherrscht das Thema Doping.

DÜSSELDORF. Noch hat er nicht einmal begonnen, der Saisonhöhepunkt der Radsportler, und doch beherrscht schon wieder ein Thema die Schlagzeilen, das die Verantwortlichen der Tour de France scheuen wie der Teufel das Weihwasser: Doping. Die positive A-Probe beim Telekom-Profi Jan Ullrich, der in diesem Jahr wegen einer Knieverletzung bei der Tour passen muss, wirft erneut die Frage auf, ob im Radsport nur noch mit verbotenen Muntermachern und Muskelpräparaten Erfolge zu erzielen sind.

Dabei haben die Veranstalter vorgesorgt und in diesem Jahr die kürzeste Frankreich-Rundfahrt abgesteckt, die es je gab: 3 273,5 Kilometer legen die Fahrer in drei Wochen vom Start in Luxemburg bis zum Ziel in Paris zurück, in früheren Jahren waren es oft gut 800 mehr. "Man kann nicht ernsthaft behaupten, gegen Doping zu kämpfen und andererseits die Belastungen der Rennfahrer durch immer härtere Rundfahrten weiter steigern", so Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc. "Wir müssen die natürlichen Grenzen des Menschen akzeptieren."

In den vergangenen zwei Jahren hatten Sponsoren und Ausrüster verstärkt Druck gemacht, einige hatten gar mit Rückzug gedroht, sollte die Tour-Leitung das Doping-Problem nicht in den Griff bekommen.

Weltverband greift immer härter durch

Tatsächlich greift der Radsport-Weltverband UCI immer härter durch. Nach Skandalen beim Giro d?Italia hat er die Doping-Kontrollen bei der Tour weiter verschärft. "Einen Fall Garzelli wird es bei uns nicht geben", bekräftigte Leblanc. Stefano Garzelli hatte trotz einer positiven A-Probe beim Giro drei Tage weiterfahren dürfen. Das Team des italienischen Kaffeemaschinenherstellers Saeco luden die Organisatoren der Tour wieder aus, nachdem die Kokain-Affaire des Profis Gilberto Simoni bekannt geworden war.

Alle 21 in Frankreich startenden Mannschaften haben sich verpflichtet, einen Fahrer umgehend aus dem Rennen zu nehmen, wenn sein Dopingtest positiv ausfällt. Nach 72 Epo-Tests im vergangen Jahr legt die UCI in diesem Jahr noch zwölf drauf. Zwei Tage vor dem Start müssen sich alle Profis zudem einer Blutkontrolle unterziehen.

Und dennoch: Zweifel, ob tatsächlich jeder Fahrer allein aus eigener Kraft unterwegs ist, sind angebracht. Schließlich hat der Weltverband jüngst vor neuen Doping-Produkten gewarnt. "Während wir den Kampf gegen Epo und das Nachfolge-Produkt NESP gewonnen haben, erscheinen neue Herausforderungen am Horizont", hieß es in einer Mitteilung. Die größte Gefahr gehe derzeit vom Epo-Nachfolger Dynepo aus. Das aus menschlichen Zellen produzierte neue Molekül kann nach Ansicht der UCI nicht vor 2003 nachgewiesen werden. Dynepo-Doper dürften das gerne hören.

Armstrong auf den Spuren der Radsport-Ikonen

Von möglichen neuen Dopingfällen abgesehen rechnet kaum jemand mit Überraschungen bei der diesjährigen Tour de France. Seit drei Jahren herrscht unumschränkt ein einziger Fahrer an der Spitze des Pelotons: Lance Armstrong. Gewinnt der US-Amerikaner die Rundfahrt zum vierten Mal, ist er auf dem bestem Weg, in die Fußstapfen der Radsport-Ikonen Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain zu treten. Ihnen gelang es als einzigen Fahrern in der Geschichte der Tour, das Rennen fünfmal für sich zu entscheiden.

Als heiße Anwärter zumindest auf einen Podiumsplatz gelten wie schon im vergangenen Jahr Joseba Beloki vom spanischen Once-Team, Christophe Moreau von der französischen Mannschaft Credit Agricole und der Italiener Francesco Casagrande von Fassa Bartolo - wenn er denn nicht, wie beim Giro d?Italia, Konkurrenten in den Straßengraben drängt und deshalb disqualifiziert wird. Als eines der größten Radsport-Talente derzeit gilt auch der 26-jährige Spanier Oscar Sevilla vom Kelme-Team, der 2001 überraschend den siebten Rang belegte und sich das weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers schnappte.

Alle Telekom-Hoffnungen ruhen auf Zabel

Hiesige Profis gehören nicht zu den Favoriten, auch wenn das Leben im deutschen Radsport natürlich auch ohne Jan Ullrich weitergeht. Alle Hoffnungen im Team Telekom ruhen jetzt auf Erik Zabel, auch wenn dem die abgespeckte Rundfahrt nicht geheuer ist: "Jetzt ist sie kürzer und hat genauso viele Berge. Das heißt, es wird sehr schwere und sehr schnelle Bergetappen geben." Für ihn als Sprinter sei das nicht gerade das Gelbe vom Ei. "Wir können uns in erster Linie auf Tagessiege und auf das siebte Grüne Trikot für Erik Zabel konzentrieren", gibt die sportliche Leitung als Losung aus. Dafür bieten ab Samstag zehn Flach-, sieben Berg- und drei Zeitfahretappen - einschließlich des Mannschaftszeitfahrens - Gelegenheit.

Als einer vom Team Telekom, der eventuell auch die Beine fürs Gesamtklassement haben könnte, gilt der Kasache Alexander Winokurow. Der wichtige Ullrich-Helfer hat im letzten Jahr die Deutschland-Tour und in diesem Jahr Paris-Nizza gewonnen. "Er hat die Moral, eine schwere Rundfahrt zu gewinnen", heißt es. "Gott sei Dank gibt es inzwischen eine ganze Reihe von populären deutschen Fahrern", sagt Stefan Wagner von der Sport- und Marketingagentur Upsolut. "Denn der Radsport braucht natürlich Stars." Erst recht in der Ära nach Jan Ullrich.

Thomas Ludwig
Thomas Ludwig
Handelsblatt / EU-Korrespondent
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