Sportlicher Rückblick auf 2004
Die „kleinen Deutschen“ ganz groß

Mit ihrem Sieg bei der Fußball-Europameisterschaft sorgen die Griechen für die Sensation des Sportjahres.

HB DÜSSELDORF. Nach ihrem ersten Sieg bezeichnen die Medien sie noch als "die kleinen Deutschen". Eine herzlose Anspielung auf ihren Essener Trainer und ihre Spielweise, hinten Beton anzurühren und vorne eiskalt jede Chance zu nutzen. Fünf Siege und einen Europameisterschaftstitel später sind sie endlich die "großen Griechen". Der griechischen Nationalelf gelang am 4. Juli die wohl größte Überraschung des Sportjahres 2004. Die Fußballwelt stand Kopf, die Portugiesen weinten. Ausgerechnet die Gastgeber verloren gleich zweimal gegen die Griechen: im Eröffnungs- und im Endspiel.

Und die "großen Deutschen", der stolze Vizeweltmeister? Die stellten mal wieder ernüchtert fest, dass "die annere aach kicke könne" (Sepp Herberger). Sogar die Letten. Denn nach einem viel versprechenden Start gegen Intimfeind Holland, der sich erst in den letzten Minuten den Ausgleich erkämpfte, scheiterte die Elf von Teamchef Rudi Völler an den Balten. Ein 0:0 stand am Ende auf der Anzeigetafel im Estádio do Bessa von Porto. Dann passierte das, was die meisten Deutschen in Umfragen vor der Europameisterschaft schon befürchtet hatten. Kahn, Ballack und Co. versagten im entscheidenden Spiel auf ganzer Linie. Gegen eine B-Elf der starken Tschechen setzte es eine schmerzvolle Niederlage - das Aus, schon in der Vorrunde. Die Niederländer dagegen fegten die Letten vom Platz und zogen ins Viertelfinale ein. Das verdoppelte den Schmerz der Fans. Einziger Trost: Mit den Deutschen fuhren die Italiener und Spanier nach Hause, die ebenso gescheitert waren.

Schön spielen war egal

Am Ende hatten die Deutschen doch noch etwas zu feiern: Otto Rehhagel, pardon "Rehhakles". Während Teamchef Völler sich aus dem Staub machte, huldigten die deutschen Medien dem gebürtigen Essener, der einst genauso verpönt wie beliebt war. Doch auch dabei zogen die Deutschen gegen die Griechen den Kürzeren. Die hellenischen Fans sangen "Rehhagel, du bist ein Gott", die Regierung in Athen bot ihm die Ehrenstaatsbürgerschaft an, und die Zeitungen überschlugen sich vor Lobeshymnen. Keiner erinnerte sich mehr an Rehhagels Worte, nur Tage vor der EM: "Mal verliert man, und mal gewinnen die anderen."

Ja, die anderen. So sensationell der Sieg der Griechen bei der Europameisterschaft war, gewonnen hat keineswegs die Mannschaft, die den schönsten Fußball spielte. Den zeigten andere Teams: Frankreich, Portugal, Tschechien, die Niederlande, England und die Schweden. Wer erinnert sich nicht gerne an das Viertelfinale zwischen Portugal und England, in dem beide Mannschaften von der ersten bis zur 120. Minute attraktiven Fußball boten. Mit einem dramatischen Ende für Englands Star David Beckham, der im Elfmeterschießen den Ball auf die Tribüne statt ins Tor drosch. Oder an das wunderbare 5:0 der Schweden gegen die hoffnungslos überforderten Bulgaren in der Vorrunde.

>>> Fotostrecke: Die Fußball-Europameisterschaft 2004

Und auch die auffälligsten Spieler kamen nicht aus Griechenland. So lobte nicht nur der Noch-nicht-Bundestrainer Jürgen Klinsmann besonders die jungen Spieler und meinte Rooney (England), Ronaldo (Portugal) und Robben (Niederlande).

Aber besonders erfolgreich ist, wer am Ende ganz oben auf der Treppe steht. Den Griechen war es egal, dass sie nicht schön spielten. Sie sind trotzdem stolz auf ihren Titel. Recht so, denn cleverer als die von Rehhagel fein eingestellten Helenen war wahrlich keine Mannschaft.

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