Sportliches interessiert zu Beginn der Turn-WM nur am Rande
Hüllenlos am Schwebebalken

Während der deutsche Verband Neuerungen gegenüber offen ist, haben die Veranstalter der Turn-WM in Ungarn ein Problem: Mediengerechte Wettkämpfe - wie etwa beim DTB-Pokal in Stuttgart - lässt der Weltverband nicht zu. Daher stehen mal wieder Nacktfotos im Vordergrund.

STUTTGART. Ihr Auftritt an Schwebebalken und Stufenbarren hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Und so haben Lavinia Milosovici, Claudia Presecan und Corina Ungureanu die Schlagzeilen ganz für sich, zum Auftakt der Weltmeisterschaften im ungarischen Debrecen. Auch wenn man dort die beiden rumänischen Olympiasiegerinnen von Sydney und ihre ebenfalls erfolgreiche Teamkollegin bei der WM (20. bis 24. November) vergeblich sucht: Das Trio turnt derzeit nicht im Auftrag ihres Verbandes - sondern für das japanische Männermagazin "Shukan Gendai". Für dessen neueste Ausgabe wagten sich die Turnerinnen hüllenlos an die Geräte.

Dass die sportlichen Leistungen in Ungarn in den Hintergrund treten, ist nichts Neues in der Randsportart Kunstturnen - soll sich aber nach Willen der Protagonisten schon bald ändern. "Wir müssen alles dafür tun, um unseren Sport besser zu inszenieren", plädiert etwa schon lange der Präsident des Deutschen Turner-Bundes (DTB), Rainer Brechtken. Fernsehgerecht und moderner soll Turnen künftig daherkommen, die Leistung für den Zuschauer nachvollziehbar sein.

So wird diskutiert, die Höchstnote 10,0 abzuschaffen, um einer nach oben offenen Punkteskala Platz zu machen, die Weltrekorde ermöglicht. "Das ist attraktiver und lässt sich besser verkaufen", glaubt Brechtken, der zudem einigen Handlungsbedarf bei der "unübersichtlichen Darbietung der Wettkämpfe" sieht. "Das ist so, als ob in der Leichtathletik alle Zehnkampfdisziplinen gleichzeitig durchgeführt werden, und kein Zuschauer weiß, wer gerade auf welchem Platz liegt".

Als Paradebeispiel für eine gelungene Inszenierung gilt das vor Jahren beim Stuttgarter DTB-Pokal eingeführte "Winners-Final", in dem sich die beiden besten Akteure pro Gerät nach dem eigentlichen Endkampf der besten Acht noch einmal im direkten Vergleich duellieren. Und wer anschließend zu Tina Turners "Simply the Best" im - zum Doppel-Lift umgebauten - Siegerpodest am weitesten unter das Hallendach gehievt wird, hat weithin sichtbar gewonnen. "Inzwischen wurde dieser Modus weltweit übernommen", sagt Robert Baur, Geschäftsführer des Schwäbischen Turner-Bundes (STB) und seit 20 Jahren Chef des DTB-Pokals.

In Debrecen müssen die Zuschauer auf einen derartigen Showdown verzichten, neue Ansätze stoßen beim Weltverband FIG seit jeher auf Granit. Wenigstens hat man es erreicht, dass bei internationalen Titelkämpfen das Fernsehen live dabei ist - von der WM in Ungarn werden die Halbfinals (Freitag ab 13 Uhr) und die Finals an den einzelnen Geräten (Samstag und Sonntag ab 16 Uhr) auf Eurosport übertragen.

Im Blickpunkt der Kameras wird dann vorzugsweise wieder Swetlana Chorkina stehen. Die Russin ist einer der letzten schillernden Figuren auf der Turnbühne und will zum Ausklang ihrer Karriere noch einmal einen WM-Titel. Als weitere Favoriten gelten die letztjährigen Weltmeister Andreea Raducan, Marius Urzia, Marian Dragulescu (Rumänien), Chinas Barren-Olympiasieger Li Xiaopeng, der weißrussische Mehrkampfweltmeister Ivan Ivankov oder die Olympiasiegerin Jelena Samalodtschikowa aus Russland. Was ihr Teamkollege Alexei Nemow zu leisten im Stande ist, dahinter steht vor dessen heutigem Auftritt in der Qualifikation noch ein Fragezeichen. Klar hingegen ist schon vor der ersten Übung, dass von den deutschen Turnern "keiner aufs Podest kommt", so der neue DTB-Cheftrainer Andreas Hirsch, der auf den den deutschen Mehrkampfmeister Sven Kwiatkowski, Tom Neubert (beide Chemnitz), Christian Berczes (Halle) und Sergej Pfeifer (Hannover) setzt. Der Cottbuser Ronny Ziemser fällt wegen einer Verletzung kurzfristig aus.

Sportdirektor Wolfgang Willam sieht Debrecen als Richtung weisende Durchgangsstation: Bereits im August wartet nicht nur die nächste WM, sondern auch die Qualifikation für die Sommerspiele 2004. "Wenn wir die Olympiaqualifikation nicht schaffen, fliegen wir aus der Förderung - das hätte empfindliche Einschnitte zur Folge", sagt Willam. Rund 2,2 Millionen Euro erhält der DTB jährlich an Bundeszuschüssen, im Falle eines Scheiterns würde ein erheblicher Teil wegbrechen. Ein Horrorszenario in den Bemühungen, "nationale Heroes aufzubauen" und in der einstigen Turnnation Deutschland den Sport wieder salonfähig zu machen.

Dabei kann STB-Mann Baur am Wochenende nach der WM zum 20-jährigen Jubiläum des DTB-Pokals erstmals das Weltcupfinale der besten Turner in der Stuttgarter Schleyerhalle präsentieren. Vor zwei Jahren wurde die Grand-Prix-Serie "Great-Four" mit den Austragungsorten Cottbus, Paris und Glasgow ins Leben gerufen, 2003/2004 soll sie auf Frankreich, Belgien, Griechenland und vor allem die USA ausgedehnt werden. "Wir müssen Turnen als internationale Marke mit einheitlichem Format entwickeln", sagt Baur.

Das Ziel: Wie etwa im Tennis sollen auch die besten Turner im Rahmen einer weltweiten Serie medienwirksam präsentiert werden. Außer Austragungsorten wird vor allem nach einem Titelsponsor gesucht. "Im Turnen gibt es noch vertretbare Konditionen", sagt Baur, zumal Turniere wie der DTB-Pokal oder die WM 2007 in Stuttgart drangehängt werden könnten. Rund 300 000 Dollar haben die Veranstalter aus dem Verkauf der TV-Rechte der Weltcupserie erwirtschaftet, die in etwa hundert Ländern ausgestrahlt wurde. Ein Drittel der Summe wird in Stuttgart an die Turner verteilt, 1 800 Dollar gibt es für einen ersten Platz.

Lavinia Milosovici, Claudia Presecan und Corina Ungureanu kommen dafür nicht in Frage, die drei Rumäninnen werden wohl nicht mehr auf die internationale Bühne zurückkehren. Finanziell kein Problem: das pikante Fotoshooting hat jeder von ihnen 30 000 Dollar eingebracht.

Die Chorkina musste 1998 einen Großteil ihres Playboy-Honorars noch an den russischen Verband abtreten.

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