Sportlimousinen aus Ingolstadt erreichen Temporekorde – Zu spät am Markt
RS-Modelle von Audi machen Porsche Dampf

Audi will zur sportlichsten Marke unter den Großserienanbietern aufsteigen. Doch Modelle wie der neue RS6 kommen erst zum Ende des Baureihenzyklus auf den Markt. Ein strategischer Fehler.

INGOLSTADT. Audi ist vom Sportlichkeitsvirus befallen. Die Ingolstädter Autobauer müssen laut Beschluss der Konzernmutter Volkswagen BMW als ultimativen Konkurrenten ins Visier nehmen. Auch die Tatsache, dass mit großer Zielstrebigkeit hochpotente Autos zur Serienreife gebracht werden, deutet auf einen scharfen bayerischen Zweikampf in den Disziplinen Motorkraft und Fahrdynamik hin.

Schon der Audi RS4 - abgeleitet vom A4 - mit seinen 380 PS ließ keinen Zweifel daran, wohin die Reise geht. Die Sportlimousinen mit dem Kürzel "RS" sollen signalisieren, dass die schnellsten Familienkutschen Deutschlands aus Ingolstadt kommen. Im ersten RS4 sahen manche Experten gerade noch einen Tempobolzer mit viel sportlicher Maskerade.

Nun geht ein Segment höher der gerade präsentierte RS6 (auf Basis des A6) ins Rennen. Das High-Tech-Paket aus V8-Biturbomotor, erstklassigem Fahrwerk (straff, aber nicht hart, dafür mit Wankausgleich und energisch zupackenden Bremsen), Allradantrieb sowie einem dezenten Sportdress zielt auf eine PS-hungrige Klientel. Sie könnte Freude daran finden, in den unauffälligen Großserien-Karossen von Audi mit reichlich Leistung unter der Haube Porsche & Co. die Schau zu stehlen.

Wie gut das im 450 PS starken RS6, dem schnellsten Audi aller Zeiten von Statten geht, fällt beim Blick auf die nach oben eilende Tachonadel auf. 100 km/h sind bereits nach 4,7 Sekunden erreicht. Für die gleiche Disziplin benötigt ein Porsche 911 5,2 Sekunden. Und bis 200 km/h nennt Audi den stolzen Wert von 17,6 Sekunden - das ist Ferrari-Niveau. Der RS6 könnte ohne die installierte Tempobegrenzung auf 250 km/h ohne Probleme mehr als 300 km/h erreichen. Bei der Audi-Tochter Quattro GmbH, wo der bärenstarke RS6 sein sportliches Rüstzeug erhält, wird überlegt, die Begrenzung auf 280 km/h anzuheben.

Wie schon beim RS4 bringt Audi den RS6 erst zum Ende des Modellzyklus auf den Markt. "Unverständlich", meint der ehemalige Audi-Chefverkäufer und Marketingprofi Graham Morris, "dem Unternehmen gehen durch die kurze Laufzeit satte Profite verloren." Denn bei derart hochpreisigen Modellen - die RS6-Limousine kostet immerhin 86 500 Euro - sind die Gewinnmargen bekanntlich besonders hoch.

Sogar Volkswagen-Konzernvertriebsvorstand Robert Büchelhofer streitet nach eigenem Bekunden seit Jahren mit den Audi-Verantwortlichen darum, die sportlichen Hochleistungs-Flaggschiffe der Marke nicht erst zum Ende, sondern schon kurz nach der Einführung der jeweiligen Modellreihe ins Programm zu nehmen. So, wie es Mercedes mit seinen AMG-Versionen oder BMW mit den M-Varianten erfolgreich vormachen. Der RS4 beispielsweise musste bereits 14 Monate nach seiner Präsentation wieder aus dem Programm gestrichen werden, weil der A4-Modellwechsel bevorstand. Immerhin konnten während der kurzen Laufzeit 6 000 dieser High-Performance-Fahrzeuge abgesetzt werden. Werner Frohwein, Chef der Quattro GmbH meint: "Wir hätten gut und gerne weitere 2 000 bis 3 000 Autos verkaufen können."

Beim jetzt vorgestellten RS6 zeichnet sich ein ähnliches Szenario ab. Gerade einmal 15 Monate bleiben, um Kunden zu gewinnen. Kaum aufgetreten, muss der RS6 die Bühne schon wieder verlassen, weil der neue A6 Ende nächsten Jahres auf den Markt kommt.

Diese wenig kundenorientierte Strategie dient auch nicht dem konsequenten Aufbau des sportlichen Images. Käufer, die so viel Geld für ein unbestritten erstklassiges High-Tech-Auto ausgeben, wollen nicht schon nach kurzer Zeit ein Fahrzeug einer abgelösten Baureihe fahren, bei dem sich naturgemäß auch noch ein gehöriger Wertverlust hinzugesellt.

Das dürfte für den neuen Audi-Chef Martin Winterkorn zu einem wichtigen Aktionsfeld werden: Die sportlichen Flaggschiffe des Hauses können nur dann das Ansehen fördern, wenn sie von Beginn an zum festen Bestandteil des Modellportfolios der Marke mit den vier Ringen gehören.

Quelle: Handelsblatt

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