Sportreport
Hoffnung in der zweiten Liga

Ferraris und Silberpfeile müssen sich in der neuen Formel-1-Saison auf härtere Konkurrenz gefasst machen: Reifenhersteller Michelin will die Hierarchien durcheinander wirbeln.

STUTTGART. Sogar das Fachblatt "Auto, Motor und Sport" ist diesmal ratlos: "Was soll man davon halten? Die Nachrichten von den Teststrecken und aus den Rennfabriken sind verwirrender denn je." Der einzig eindeutige Trend vor dem Saisonstart am 4. März in Melbourne ist die große Ungewissheit in der Formel 1. Die hat sogar die beiden Schwergewichte Ferrari und McLaren-Mercedes befallen. "Alles ist möglich", glaubt Mercedes-Sportchef Norbert Haug. Und lässt damit auch den Umkehrschluss zu, auf den das Verfolgerfeld hofft: Nichts ist unmöglich.

In der gehobenen Mittelklasse wird ein moderner Fünfkampf zwischen BMW-Williams, Jordan-Honda, Benetton-Renault, BAR-Honda und Jaguar erwartet. Ein enges Rennen von Automarken, die mit ihren Grand-Prix-Engagements vor allem Anteile auf dem Absatzmarkt gewinnen wollen. Das aber gelingt nur Siegern, und in der vergangenen Saison war die Farbgestaltung auf der oberen Podeststufe ziemlich eintönig: rot und silbern.

Die Hoffnungen der zweiten Liga auf Besserung sind nicht nur groß, sie kosten im Prinzip auch nicht viel - außer viel Mut zum Risiko. Denn im neuen Rennjahr könnten zwei Faktoren das Geschehen entscheidend verändern: Zum einen die durch ein neues Reglement vorgeschriebene Änderung der Aerodynamik, bei der es mehr auf die Front- als auf die Heckflügel ankommt. Zum anderen aber auch die neue Situation auf dem Reifenmarkt: Mit der Rückkehr von Michelin hat der einstige Monopolist Bridgestone nun wieder harte Konkurrenz. Die Franzosen sollen zur neuen Saison einen wahren Wunderreifen bringen, der sich kaum verschleißt. Prompt haben sich die Rundenzeiten bei Testfahrten um bis zu 1,5 Sekunden verbessert.

Für Entwicklungssprünge in dieser Dimension sind sonst Hunderte von Millionen Mark fällig. Wohlgemerkt: Auch die japanischen Gummis waren so schnell. Mit dem neuen Gegner kann Bridgestone eben nicht mehr nur das Nötigste tun - es muss das Beste sein. Die Unberechenbarkeit der Reifen und der Aerodynamik könnte in Kombination zu dem führen, was Max Mosley, Präsident des Automobilweltverbandes FIA, im Sinne der Popularität am liebsten wäre: "Gerade Michelin hat die Möglichkeiten, die Hierarchie etwas durcheinander zu bringen." Die technische Revolution, die auch mehr echte Überholmanöver ermöglichen soll, könnte sogar dazu führen, das von Strecke zu Strecke eine neue Rangordnung aufgestellt wird.

Williams-BMW, Benetton und Jaguar sind sofort zu Michelin übergelaufen. BMW-Sportdirektor Mario Theissen erklärt warum: "Wenn wir alles so wie die anderen machen würden, die schon länger dabei sind, dann hätten wir im besten Fall die Chance aufzuschließen. Als Neueinsteiger muss man eben größere Risiken gehen." Und vor allem immer aufs Neue Selbstbewusstsein zeigen. Die frechste Eigenwerbung betreibt Heinz-Harald Frentzens Jordan-Team. Den gelben Wagen ziert ein weit aufgerissenes Haifischmaul, und der Zigarettensponsor schaltet Anzeigen mit dem Spruch: "Ferrari hat einen neuen Antrieb im Heck - Jordan." Honda rüstet auch das Konkurrenzteam British American Racing aus, das wie Jordan den vollmundigen Ankündigungen in der Vergangenheit nun Taten folgen lassen muss.

Honda setzt bewusst auf zwei konkurrierende Rennställe und will so für einen zusätzlichen Motivationsschub sorgen. BAR bringt gerade das hinter sich, was Niki Lauda als neuer Holding-Chef bei Jaguar Racing und Flavio Briatore als Renault-Statthalter bei Benetton noch vor sich haben: Effizientere Strukturen sollen geschaffen werden. Frentzen hält das Honda-Paket für zukunftsträchtig und sehnt nach einem Pannenjahr die alte Zuverlässigkeit herbei. Auch er bezieht seinen inneren Antrieb aus dem Werksmotor: "Wenn man den Großen ans Bein pinkeln will, braucht man eine hohe Leiter", scherzte er.

Doch das Bild trübt - der Druck ist überall so groß wie die Hoffnung. Dass Automobilhersteller im Falle der Erfolglosigkeit kurzen Prozess machen, hat der jähe Ausstieg von Peugeot im Vorjahr bewiesen. BMW-Williams war da weit erfolgreicher. Acht Siege hätte die bayrisch-britische Gemeinschaft im Jahr 2000 zu Buche stehen - wenn es Ferrari und McLaren nicht geben würde. Kein Wunder, dass BMW-Vorstandsmitglieder dem Piloten Ralf Schumacher gelegentlich auf die Schultern klopften: "Und wann gewinnen Sie den ersten Grand Prix?" Die Übererfüllung des Plans im ersten Rennjahr (angestrebt war Platz fünf) ändert jedoch nichts am Plansoll für die zweite Saison: Platz drei. BMW-Direktor Gerhard Berger: "Wir wollen uns so weit verbessern, dass wir auf der Lauer liegen und zuschlagen können, sobald ein Ferrari oder McLaren-Mercedes Probleme hat." Nun, Ferrari hat seit gestern ein Problem weniger: Hauptsponsor Philip Morris hat seinen Vertrag bis 2006 verlängert. Branchenschätzungen zufolge investiert das Unternehmen jährlich umgerechnet rund 200 Millionen Mark in die Formel 1.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%