Sportstätten verfallen
Olympische Ruinen: Dabeisein war alles

Vier Jahre nach Olympia sind die sündhaft teuer erbauten Spielstätten von Athen nur noch ungenutzte Ruinen. Bis heute hat die Regierung keine Konzepte, wozu die Sportpaläste verwendet werden können. Ein abschreckendes Beispiel für aktuelle und künftige Ausrichter.

ATHEN. Maro Vassilopoulou zieht die Vorhänge zur Seite, öffnet die Balkontür und tritt hinaus. „Es war wunderbar, damals“, erinnert sich die 71-Jährige. Von der Dreizimmerwoh-nung im Athener Stadtteil Maroussi geht der Blick hinüber zum Athener Olympiastadion. Die kühne Dachkonstruktion des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava, der stählerne Bogen, glänzt in der Abendsonne.

Vassilopoulous Gedanken gehen zurück zum 15. August 2004, dem Eröffnungstag der Athener Spiele. „All die bunten Fahnen, die Lichter, die vielen fröhlichen Menschen – hier, auf meinem Balkon, hatte ich ja einen Logenplatz!“ erzählt sie. „Die Musik klang herüber, und dann, auf dem Höhepunkt, kam das Feuerwerk – grandios!“ Die Rentnerin wischt sich eine Träne der Rührung aus dem Auge. So schön.

So lange her. Heute bietet sich ihr ein ganz anderer Anblick. Auf dem Olympiagelände herrscht gähnende Leere, nur ab und zu irren einige Neugierige über das riesige Areal. Viel zu sehen gibt es da auch nicht. Die Wasserspiele sind längst versiegt. Viele Bäume, die für die Spiele gepflanzt wurden, sind verdorrt, weil die Bewässerung nicht funktioniert. Die Toilettenhäuschen sind verriegelt. Keine Spur von dem versprochenen Freizeitpark, in dem die Athener ihren Sonntagsspaziergang machen sollten. Nur manchmal erwacht das Areal wieder für kurze Zeit zum Leben, wenn hier eines der seltenen Sportfeste stattfindet. Oder Stars wie George Michael oder Madonna auftreten. Danach versinkt das Stadion wieder ins Koma.

Athen, vier Jahre nach Olympia – so trostlos wie vor den Fenstern von Maro Vassilopoulou sieht es an den meisten Spielstätten in der griechischen Hauptstadt aus. Vier Jahre, nachdem das Olympische Feuer erloschen ist, wird nicht einmal die Hälfte der rund 20 Olympiabauten genutzt. Athen ist zum Warnsignal für alle künftigen Ausrichter geworden. Und zum Wegweiser für das, was Peking nach den am Freitag beginnenden Spielen 2008 besser machen sollte.

In Athen ging viel schief. Die bis zum März 2004 in Griechenland regierenden Sozialisten, unter deren Regie die Olympiaplanung lief, waren heilfroh, die Bauten überhaupt einigermaßen rechtzeitig fertigzubekommen. Man war weit im Verzug. „Die Spiele sind in Gefahr“, warnte damals IOC-Chef Jacques Rogge. Noch wenige Monate vor Beginn der Spiele war ungewiss, ob das statisch heikle Calatrava-Dach für das Olympiastadion überhaupt rechtzeitig installiert werden könnte. Über die spätere Nutzung der Olympiabauten zerbrach sich damals in Athen niemand den Kopf. Entsprechend viele „weiße Elefanten“, so nennt man in Griechenland ungenutzte Gebäude, stehen jetzt herum. „Für die meisten Bauten gibt es überhaupt kein Nutzungskonzept“, stellte schon 2004 nach dem Amtsantritt der konservativen Regierung deren Sprecher Theodoros Roussopoulos ernüchtert fest.

Doch auch die seit viereinhalb Jahren regierenden Konservativen tun sich schwer mit dem Erbe der Spiele. Wer von Irini („Frieden“), wie der Haltepunkt der Athener Vorortbahn am Olympiastadion heißt, den Zug nach Süden nimmt, kommt nach rund 20 Minuten zum Bahnhof Faliron. In diesem Athener Küstenvorort befand sich der zweite große Brennpunkt der Spiele. Heute ist diese Gegend die wohl tristeste Küste ganz Griechenlands. „Hier“, sagt Andreas Argyros, „müssten eigentlich die Schwimmbäder und Liegewiesen sein, da drüben der ökologische Park, und etwas weiter rechts einer der vielen Radwege.“

Aber der 22-Jährige joggt durch eine trostlose Einöde. Nichts von dem, was er beschreibt, gibt es: keinen Park, kein Grün, keine Schwimmbecken, keine Wege. Nur eine staubige, steinige Wüste mit ein paar verdorrten Büschen. Kein schönes Gelände hat sich Andreas Argyros für seinen all-abendlichen Dauerlauf ausgesucht. Aber er wohnt nur ein paar Hundert Meter entfernt, „und hier werde ich beim Joggen wenigstens nicht überfahren“, sagt der junge Mann. „Wir nennen diese Gegend hier die ‚Sahara'“, erklärt Argyros.

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