Sportübertragungsrecht: Kirch lässt Preise steigen
Für ARD und ZDF ist im WM-Poker die Luft raus

Das Rezept für Quotenmacher heißt: Sport, Sport und nochmals Sport. Niemand weiß das so gut wie Leo Kirch. Für Übertragungs- rechte verlangt er deswegen horrende Preise: ARD und ZDF können sich das nicht leisten.

DÜSSELDORF/MÜNCHEN. Um den Sport wird immer höher gepokert. "Der Preis für die absoluten Premiumrechte wie Fußball oder Formel 1 wird noch weiter steigen", prognostiziert Dieter Hahn, Vizechef der Kirch-Gruppe, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der Sportrechteexperte hat gestern als Verhandlungsführer der Kirch-Gruppe die Gespräche mit den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF um die Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006 platzen lassen. Die Folge: Zum ersten Mal sitzen bei einer Fußball-WM die Zuschauer des Ersten und Zweiten nicht mehr in der ersten Reihe.

Das Ende der Verhandlungen ist in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ein einmaliger Vorgang. Schließlich hat die ARD seit fast einem halben Jahrhundert das Megaereignis Fußball-Weltmeisterschaft übertragen. Wie aus Verhandlungskreisen zu erfahren war, waren sich Kirch und ARD sowie ZDF grundsätzlich einig. Jedoch haben einige ARD-Intendanten offenbar einen Kompromiss sabotiert. "Für mich sind nicht die Verhandlungen gescheitert, sondern ihr Ergebnis ließ sich in der ARD nicht umsetzen", meinte Hahn. Leo Kirch soll bis zum Schluss darauf gedrängt haben, ein gegenseitiges Geschäft abzuschließen. Für die Rechte an der WM 2002 und 2006 sollte dem Münchener Medienkonzern Übertragungsrechte der Olympischen Spiele und Europameisterschaft überlassen werden, die in den Händen von ARD und ZDF liegen.

Die Kirch-Gruppe ist mit dem bisherigen Verkauf der Rechte an der Fußball-WM 2002 in Europa zufrieden. Man habe bereits Verträge mit den spanischen Sendern Antena 3 (Free-TV) und Via Digital (Pay-TV) für 180 Mill. Dollar unter Dach und Fach, berichtet Hahn. Auch für Polen und ein weiteres Dutzend kleinerer europäischer Länder seien Vereinbarungen getroffen.

Bei dem Scheitern der Gespräche in Deutschland spielten auch politische Gründe eine Rolle. Einige ARD-Intendanten und auch Ministerpräsidenten waren keine Freunde eines Deals mit dem Medienkonzern aus München, der vielen als zu konservativ gilt.

Kirch sitzt derzeit jedoch als Rechteinhaber am längeren Hebel und kann nun unter anderen Interessenten wählen. RTL äußerte unmittelbar nach dem Ende der Verhandlungen Interesse. Auch die hauseigene Pro Sieben Sat 1 Media AG kommt als Käufer in Frage. Bis Mai oder Juni sollen die deutschen Rechte endgültig verkauft werden. Dieter Hahn, die rechte Hand Leo Kirchs, ist optimistisch, dass vielleicht sogar noch ein höherer Preis als die ursprünglichen 225 Mill. DM dabei herauskommen könnte.

Das Beispiel Fußball-WM zeigt, mit welch harten Bandagen derzeit um erstklassige Sportrechte gepokert wird. "Sport ist eine der heißesten Waren, die im Fernsehen gehandelt wird", meint RTL-Sprecher Matthias Bolhöfer. Allerdings ist der Handel mit Rechten - allen voran die begehrte Ware Fußball - risikoreich. Weder der Verkäufer will seine Ware zu billig abgeben, noch wollen Käufer überhöhte Preise für Spiele zahlen, die vielleicht am Tag der Übertragung niemanden mehr hinterm Ofen hervorlocken.

Welche Bedeutung der Sport für die Sender besitzt, zeigt das Beispiel RTL. Der zum Bertelsmann-Konzern gehörende Sender erzielte mit dem legendären Boxkampf zwischen Axel Schulz und dem Südafrikaner Francis Botha am 9. Dezember 1995 die höchste Einschaltquote in der RTL-Geschichte. 18,03 Millionen Zuschauer verfolgten das Duell. Für Medienunternehmer wie Rupert Murdoch lautet deswegen die einfache Formel zum Erfolg: Sport, Sport und nochmals Sport.

Das Konzept hat auch hier zu Lande Nachahmer gefunden: allen voran den Kirch-Konzern, zu dem die Sender Pro Sieben, Sat 1, Kabel 1 und der Sportsender DSF gehören. Kirch setzt seit Jahren auf die "non-fiktionalen Inhalte" wie Fußball und lässt sich das einiges kosten. Er bezahlte für die Übertragungsrechte der Fußball-WM 2002 in Japan und Südkorea 650 Mill. Schweizer Franken (sfr). Für die WM 2006 in Deutschland legte er sogar 750 Mill sfr. auf den Tisch. RTL konzentriert sich derzeit auf Skispringen, die Champions-League und natürlich auf die Formel 1.

Die Sender machen Sportarten erst zum richtigen Massenereignis. Verfolgten 1992 gerade mal knapp 2 Mill. Zuschauer, wie die Formel-1-Flitzer ihre Runden drehten, so waren es im vergangenen Jahr knapp 10 Mill. Mit den steigenden Zuschauerzahlen werden auch die Verhandlungen um die Übertragungsrechte härter. Dabei geht es vor allem um viel Geld (siehe Grafik).

Die Kirch-Gruppe beherrscht dabei das Spiel um die wachsende Nachfrage nach Inhalten auf wunderbare Weise. Die Verwertungskette rund um den Sport ist nahezu perfekt. Schon heute verfügt die Kirch-Media über die Fußball-Bundesliga, die Fußball-WM 2002 und 2006. Von Sat 1 über DSF bis hin zu N 24 werden die Inhalte vermarktet. Und das Internetportal Sport 1, in dem sich die Sportangebote von Sat 1, DSF und Sport Bild vereinigen, sorgt für zusätzliche Synergien.

Trotz der Kirch-Dominanz bei den Sportrechten will der Chef der Tele-München-Gruppe (TMG), Herbert Kloiber, nicht von einem Monopol sprechen. "Die Sportrechte sind ganz ordentlich verteilt", sagte Kloiber dem Handelsblatt. Der TMG-Chef, der einst die Champions-League für seinen Sender TM3 holte, mischt selbst beim Rechtehandel kräftig mit. Der Medienunternehmer, der sein Handwerk bei seinem jetzigen Intimfeind Leo Kirch lernte, lässt keine Zweifel, welche Sportrechte auf dem europäischen Markt gefragt sind: "Unter den Top 5 sind viermal Fußball und einmal Formel 1." Was in dieser Branche zähle, um an die Rechte zu gelangen, seien Kontakte oder gar Freundschaften. "Ein großes Netzwerk ist besonders wichtig", erklärt Kloiber. Vor allem Leo Kirch und seine Mannschaft sind hier Meister.

Nur mit einem scheint Kirch derzeit nicht so recht warm zu werden: Bernie Ecclestone. Der Zirkusdirektor der Formel 1 will verhindern, dass ein einziger Medienkonzern eine ganze Sportart beherrscht. Hinter den Kulissen strickt der gerissene Ecclestone längst an einem Einstieg der Autokonzerne wie Daimler-Chrysler, Fiat oder Ford in die Meisterklasse. Nicht nur die Industriebosse weiß der Brite auf seiner Seite, sondern auch die Zuschauer des Rennsports. Noch ist auch hier der Ausgang des Rechtewettbewerbs offen. Klar ist nur: Das Pokerspiel um den Sport als Goldader der Medienindustrie geht mit neuen Spielern in die nächste Runde.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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