SPOTANALYSE
Volkswirte zur EZB-Zinserhöhung

Reuters FRANKFURT. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag die Leitzinsen angesichts der andauernden Inflationsgefahren erhöht. Der Mindestbietungssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte werde um 25 Basispunkte auf 4,50 % angehoben, teilte die EZB am Donnerstag in Frankfurt im Anschluss an das erste Ratstreffen nach der Sommerpause mit. An den Finanzmärkten war eine Zinserhöhung erwartet, über ihr Ausmass jedoch gerätselt worden.

Volkswirte sagten dazu in ersten Reaktionen:

Lothar Hessler, HSBC Trinkaus: "Die Entscheidung zeigt erstens: Der Mindestbietungssatz wird nicht als Zinsverschärfungs-Instrument benutzt. Dies wird durch die Tatsache klar, dass er unter dem jüngsten Reposatz von 4,69 % liegt. Zweitens ist wohl auf mittlere Sicht mit einer weiteren Zinserhöhung um 25 Basispunkte zu rechnen. Diese wird vermutlich erst kommen, wenn der Reposatz bei etwa 4,90 % liegt, da dann noch Platz ist. Zudem gilt: Wenn man die Spekulationen am Garen hält, sichert man sich weiteren Einfluss auf den Markt zu. Der Einfluss auf die Konjunktur mag auch ein Argument gewesen sein. Die Erhöhung um 25 Basispunkte war ein gewisses Signal, dass die EZB das Konjunkturmomentum nicht zu stark abbremsen will."

Klaus Schrüfer, BFG Bank, Frankfurt: "Die Erhöhung um 25 Basispunkte ist die einzig vernünftige Lösung für die EZB. Sie hatte die Märkte lange darauf vorbereitet, dass sie etwas tun wird und stand entsprechend unter Handlungsdruck. Im Hinblick auf die zuletzt veröffentlichten Daten war der kleine Zinsschritt aber angemessen. Die letzten fünf Zinserhöhungen beginnen Wirkung zu zeigen, dass sieht man unter anderem an der Entwicklung der Geldmenge M3. Die Zentralbank muss jetzt darauf achten, dass sie mit weiteren Zinsschritten nicht überzieht. Diese Gefahr hätte bei einer Anhebung um 50 Bsispunkte bestanden. Meiner Einschätzung nach sollte die EZB hinsichtlich weiterer Zinsschritte jetzt zunächst einmal einige Monate Ruhe einkehren lassen. Ölpreis und Eurokurs kann sie kaum beeinflussen. Sie sollte daher erst einmal abwarten und die Entwicklung der Zweitrundeneffekte im Auge behalten. Ab Mitte Oktober werden jedoch vermutlich bereits wieder Spekulationen um eine weitere Erhöhung einsetzen. Ob die EZB die Zinsen in diesem Jahr aber überhaupt noch einmal anhebt, bleibt abzuwarten."

Ulrich Beckmann, Deutsche Bank Global Markets Research:"Die 25 Basispunkte hatten wir erwartet. Die EZB hat damit einen guten Kurs gefunden. Sie nimmt zur Kenntnis, dass es Inflationsrisiken gibt, setzt aber ein klares Signal, dass sie die Konjuntur nicht abwürgen will. Die Zinssätze werden jetzt schrittweise weiter nach oben gehen. Im Moment sind wir auf einem neutralen Niveau. Auch den Euro wird diese Entscheidung nicht belasten. Auf längere Sicht war dieser Schritt eine positive Maßnahme."

Michael Schubert, Commerzbank, Frankfurt: "Wir hatten die Erhöhung um 25 Basispunkte erwartet und halten sie auch für angemessen. Auf der einen Seite haben wir selbstverständlich die Aufwärtsrisiken für die Preisstabilität aufgrund des Ölpreises und des schwachen $. Andererseits sehen wir aber bislang keine starken Zweitrundeneffekte, und auch die Entwicklung der Geldmenge ist seit der letzten Zinserhöhung günstig. Eine Zinserhöhung um 50 Basispunkte hätte kurzfristigen Faktoren wie etwa dem Ölpreis zu hohe Bedeutung eingeräumt. Die Zinsentscheidung ist auch ein Signal an die Märkte hinsichtlich der Zinsführerschaft. Bei 50 Basispunkten hätte man wieder nicht gewusst, folgt die EZB dem Markt oder agiert sie eigenständig. Mit 25 Basispunkten hat sie ganz deutlich gemacht, dass sie aus eigener Einschätzung heraus handelt."

Ulrich Kater, Volkswirt, DGZ DEKA-Bank: "Die Erhöhung um 25 Basispunkte ist aus unserer Sicht der konjunkturellen Situation und der Inflationsgefahren in der Euro-Zone angemessen. Die EZB stößt damit ins geldpolitisch neutrale Feld vor, das heißt in den Bereich, wo die Geldpolitik die Konjunktur weder angekurbelt noch dämpft. Diese Zinserhöhung ist aber noch nicht das Ende der Fahnenstange. Nach unserem Konjunkturszenario geht es mit dem Wirtschaftswachstum auf hohem Niveau weiter, so dass ein weiterer Zinsschritt nötig sein wird. Wir rechnen jetzt mit weiteren 25 Basispunkten im November. Im nächsten Jahr wird es dann noch einmal einen Zinsschritt auf 5,0 % geben".

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