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Sprachenvielfalt in Spanien nimmt immer absurdere Züge an

Von Stefanie Müller Offizielle Reden des spanischen Königshaus sollen nach Wunsch einer progressiven Bewegung neben der Landessprache auch in Galizisch, Baskisch und Katalanisch erfolgen.

Von Stefanie Müller


Offizielle Reden des spanischen Königshaus sollen nach Wunsch einer
progressiven Bewegung neben der Landessprache auch in Galizisch, Baskisch
und Katalanisch erfolgen.

Stefanie Müller, Madrid


Der spanische König Juan Carlos hetzt in Madrid von Termin zu Termin. Bei 40
Grad Hitze rinnt ihm der Schweiß von der Stirn. Sein Gesicht ist wie immer
stark gerötet. Als der 67jährige nach seinem harten Tagesprogramm endlich
im Palast ankommt, ist an die wohl verdiente Siesta nicht zu denken: Der
König muss Baskisch lernen, eine der drei offiziellen Regionalsprachen, die
so schwer ist, dass noch nicht einmal die Hälfte der Basken sie richtig
beherrscht. Auch in Galizisch und Katalanisch bekommt er anschließend
Nachhilfeunterricht.
Wenn es nach dem Willen der Organización por el multilinguismo, eine
private gemeinnützige Initiative zur Sprachenvielfalt in Spanien, geht, dann
sieht demnächst nicht nur der Tagesablauf des Königs wie oben geschildert
aus, sondern auch der aller anderen Mitglieder der Adels-Familie. Sie hat
gerade eine Kampagne gestartet, in der sie diese per Gesetzeserlass
verpflichten will, bei allen offiziellen Anlässen neben Spanisch, die drei
Regionalsprachen. Derzeit geschieht dies nur gelegentlich und in Baskisch,
einer Sprache, die keine linguistischen Verwandte hat, können die meisten
nur Hallo und Aufwiedersehen sagen.
Das soll sich nun ändern. Alle schulpflichtigen Kinder der Monarchen sollen
nach Wunsch dieser Initiative, von Anfang an viersprachig erzogen werden.
Auch das Personal soll geschult werden, damit, obwohl Spanisch in Spanien
eigentlich jeder versteht, demnächst jegliche Kommunikation aus dem
Königshaus in Baskisch, Galizisch und Katalanisch erfolgen kann. In den
kommenden Wochen werden Fragebögen verschickt, mit denen die Organisation
die Sprachkenntnisse der verschiedenen Mitglieder des Königshaus testen
will.
Nicht nur für die wäre ein solches Ansinnen, zukünftig viersprachig
aufzutreten, ein coñazo, eine verdammte Plage, wie der Spanier sagen würde.
Sondern auch für die Zuhörer. Man denke nur daran, wie lange dann eine
Ansprache an das Volk im Fernsehen dauern würde, sagt Manuel Romera von der
spanischen Businessschule Instituto de Empresa in Madrid. Aber am meisten
kommt diese Entwicklung dem regierenden Sozialisten José Luis Rodríguez
Zapatero in die Quere. Denn was für Nichtspanier wie ein Scherz wirkt,
könnte bald angesichts der zunehmenden Identitätssuche der 17 spanischen
autonomen Regionen Wirklichkeit werden.
Zapatero bezeichnet sich zwar bei jeder Gelegenheit als progressiv, die
zunehmende Regionalisierung kann er jedoch kaum noch kontrollieren,
kritisiert der konservative Oppositionsführer Mariano Rajoy das
laissez-faire des Premier. Er selber hätte längst durchgegriffen.
Irgendwann müsse die sprachliche Vielfalt ein Ende haben. Bereits bei der
Übersetzung der Europäischen Verfassung gab es enormen Ärger, weil die
Valencianer ihre Verfassung in Valenzianisch lesen wollten, die stolzen
Katalanen jedoch meinten, dass dies nur ein Dialekt des Katalanischen sei.
Aber der Wahnsinn geht weiter, schreibt die spanische Tageszeitung El
País. Anlässlich der Frankfurter Buchmesse gab es bei katalanischen
Politikern ernsthafte Überlegungen, dort in diesem Jahr nur Bücher von
Schriftstellern, die ausschließlich in der Regionalsprache schreiben,
auszustellen.
Zapatero, der vor mehr als einem Jahr angetreten war, um mit mehr
diplomatischem Geschick als sein konservativer Vorgänger José María Aznar
die Einheit des Landes zu wahren, sieht sich nun mit immer mehr Sonderwegen
konfrontiert als je ein spanischer Premier vor ihm. Die Basken und Katalanen
wollen am liebsten eine eigene Nation und auch auf den Kanaren, in Aragón
und auf den Balearen gibt es Unabhängigkeits-bestrebungen. Er muss sich nun
fragen, wie er die Geister wieder stoppen will, die er vor vierzehn Monaten
gerufen hat, will er nicht noch mehr an Beliebtheit einbüßen, warnt Rajoy.
Denn der Rest der Spanier, die nicht in Valencia, Katalonien, auf den
Balearen, in Galizien oder im Baskenland leben, wo diese Regionalsprachen
gepflegt werden, kann weder diese Diskussion, um noch mehr Vielfalt, noch
eine der Sprachen wirklich verstehen. Romera: Sie wollen, dass Zapatero
sich endlich mit den wirklichen Problemen des Landes beschäftigt.

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