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Sprachterror durch Technokraten

Sprachterroristen setzen sich mit semantischem Müll in Szene. Tenovis-Chef Peter B. Záboji (Foto) erklärt, wie Technodeutsch den Fortschritt im Mittelstand behindert.

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Da machen fortschrittliche "leader" beim "brainstorming" auf "reengineering" und entwickeln täglich neue Sprachhülsen. Da wird gehandled, gemailt, gestylt, gemanagt oder getalkt - frei nach dem Sinnspruch des britischen Dramatikers George Bernhard Shaw: "English is the easiest language to speak badly". Anschließend bestehen die Sprachpanscher auf dem "commitment" der Mitarbeiter und preisen die "Synergien", die am Ende zu Gunsten des "Shareholder-value" angeblich dabei herauskommen sollen. In "meetings" fahnden sie nach der "strategy", um sich aufzustellen, neue "projects" zu "releasen" und am Markt beim "customer" durch "empowerment" den optimalen, effizienten und effektiven "USP" zu erreichen. Wissen die Plapperer überhaupt wovon sie reden? Haben sie nachgedacht, bevor sie kommunizieren? Oder sind sie einfach nur bequem und folgen dem Zeitgeist wie die Lemminge? Wahrscheinlicher ist, dass mit den Worthülsen nur geistige Verarmung und tiefgreifende Inkompetenz verdeckt werden sollen. USP steht jedenfalls für "Unique Selling Proposition" und ist in seiner Bedeutung profan: das einzigartige Verkaufsargument. Sprechblasen und nichtsagende Modekürzel dominieren die Kundeninformationen. Authentische Formulierungen und aussagekräftige Schlichtheit sind Mangelware. Ob Multimedia-, Informationstechnologie- oder Telekommunikations-industrie - alle sind verliebt in ihr Techno-Latein und bieten unverdrossen Dinge wie Application Service Providing, Customer Relationship Management und Unified Messaging Service an, statt verständlich von Softwaremiete, Pflege der Kundenbeziehungen und sinnvoller Verknüpfung der Kommunikationsmedien zu sprechen. Neubabylonische Sprachpanscherei Das Schlimme daran ist: Die neubabylonische Sprachpanscherei schadet nicht nur Unternehmen, seinen Mitarbeitern und Aktionären. Sie verhindert zudem, dass sich teilweise sinnvolle und nutzbringende Technologien am Markt durchsetzen. Die Macht der Sprache erdrosselt das Geschäft. Besonders deutlich spürbar ist diese Entwicklung im Mittelstand. Dort sitzen Unternehmer, die gewissenhaft wirtschaften und genau wissen wollen, wofür sie ihr gutes Geld ausgeben. Doch inzwischen sind sie nicht zuletzt durch die tägliche Flut von "buzzwords", den Techno-Worthülsen, derart verunsichert, dass sie Investitionen bis auf weiteres stornieren - mit spürbaren Auswirkungen auf unsere Volkswirtschaft. Die Mittelständler haben die Anglizismen satt und halten es mit der Devise des amerikanischen Anlage-Großmeisters Warren Buffet: "Ich kaufe nur, was ich verstehe." Täglich überfluten hunderte kryptische und überflüssige "Directmails" den E-Mail-Zugang, das Faxgerät und den Briefkasten von genervten Kunden - und das von Firmen, die man weder kennt noch kennen möchte. Von "Showcases, die "Front Office Brokerage" und "Buy Side Activities simulieren" wird genauso schwadroniert wie von "Make, Manage and Move Media". Hauptsache, Floskel folgt auf Floskel. Anschließend wundern sich die Absender über die hohe "burn rate" ihrer Kapitaldecke und das Ausbleiben der Aufträge. Nur der Anschein des Weltbürgertums Walter Krämer, Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache, hält die Anglizismen-Flut für Angeberei: "Es ist peinlich, wie wir uns anbiedern und die deutsche Sprache zerstören. Manager, Werber und PR-Macher wollen sich wohl den Anschein des Weltbürgertums geben. Das kommt im Ausland sehr schlecht an. Sie sehen die Deutschen als die ewigen Schleimer, die sich unterwürfig vermeintlichen Trends anschließen. In Wahrheit lacht sich der Rest der Welt über uns kaputt". Wahrhaft globale Unternehmen erkennt man daran, dass sie lokale Sitten und Gebräuche achten. Wie wirbt die Air France in Deutschland? "Wir erobern ihr Herz im Flug." Wie Fiat? "Leidenschaft ist unser Antrieb." Wie das Touristenbüro der Emilia Romagna? "Nichts liegt näher." Diese Firmen sind schlauer als die esoterischen Dummköpfe in noblen Werbeagenturen. Ihre Lektion: Redet so, wie eure Kunden reden. Wenn der deutsche Mittelständler von der europäischen Geschäftsreise kommend in Düsseldorf landet, trifft er auf ein Plakat mit dem Text: "Siemens - the force of innovation". Bullshit. Index für sprachliche Tieffliegerei Ein guter Index für sprachliche Tieffliegerei ist laut einer aktuellen Erhebung der Anteil englischer EDV-Begriffe: Er ist mit 43 Prozent in Deutschland so hoch wie in keiner anderen europäischen Nation. In Finnland sind nur sieben Prozent des Computerjargons ohne Anpassung aus dem Englischen entnommen, in Frankreich 14, in Spanien 20 Prozent. Dabei gibt es einen einfachen Rat: Benutzen sie die echten Begriffe. Unsere Kunden verlangen den direkten, ehrlichen und schnellen Dialog mit unserem Unternehmen. Wenn wir das nicht leisten, sinkt zuerst unsere Glaubwürdigkeit und dann unser Umsatz. Kunden kann man nicht mehr für dumm verkaufen und erst recht nicht mit "Denglisch" quälen. (*) Peter B. Záboji ist ein Unternehmer mit Affinität zu Technik und Zukunft, schon seit seinem Studium. Seit April 2000 ist er Chief Executive Officer von Tenovis. Lesen Sie mehr über den Tenovis-Chef in seinem Portrait weiter ...

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