Springer
Kommentar: WAZ-Gruppe im Jagdfieber

Das letzte Kapitel der spannenden Serie Kirch & Springer nähert sich seinem Höhepunkt. Mit Geschick versucht Leo Kirch seiner Gegenspielerin Friede Springer ein Kuckucksei ins Nest zu legen. Der 75-Jährige will sein Aktienpaket an Europas größtem Zeitungskonzern am liebsten der WAZ-Gruppe für annähernd eine Milliarde Euro verkaufen.

Mit einer raffinierten Konstruktion versucht Leo Kirch, die Berliner Blockadepolitik gegen den Investor aus dem Ruhrpott zu umgehen: Er will die Vinkulierung aushebeln, in dem er seine Print-Beteiligungsgesellschaft, die das 40 prozentige Aktienpaket an Springer hält, an die WAZ-Gruppe verkauft.

Bei Springer ist der Kampfeswillen groß. Schließlich hat der Konzern im Umgang mit ungeliebten Gesellschaftern wie Leo Kirch große Erfahrung. Friede Springer und ihr Vorstandschef Mathias Döpfner versuchen, den WAZ-Einstieg mit allen Mitteln zu verhindern. Denn auch in der Konzernzentrale wächst die Erkenntnis, dass vinkulierte Namensaktien als Schutzwall gegen unangenehme Investoren allein nicht ausreichen. Damit der WAZ der Appetit vergeht, droht Springer mit jahrelangen Auseinandersetzungen vor Gericht. Zudem käme ein Sitz im Aufsichtsrat überhaupt nicht in die Tüte - von den großen kartellrechtlichen Hürden ganz zu schweigen. Im Abwehrkampf gegen die WAZ stellt Springer auch die eigene Kampagnenfähigkeit unter Beweis. Aus allen Rohren schießen die Konzernblätter "Bild" und "Welt" gegen den "Denver-Clan" aus Essen.

Die Angst vor den WAZ-Männern ist berechtigt. Denn sollte der renditestarke Zeitungskonzern am Schluss doch noch zum Zuge kommen, bleibt bei Springer kein Stein auf dem anderen. Die WAZ-Führungsspitze sieht bei Springer noch jede Menge Sparmöglichkeiten, um ordentliche schwarze Zahlen zu schreiben. Das reicht von der Kürzung opulenter Vorstandsgehälter bis zur Einstellung der "Welt", vom gemeinsamen Papiereinkauf bis hin zu gemeinsamem Druckereimanagement. Die WAZ hat über Jahrzehnte bewiesen, dass sie es versteht, mit Zeitungen viel Geld zu verdienen. Dabei steht leider nur die Rendite der Blätter im Vordergrund und nicht auch die Qualität. Für die publizistische Vielfalt in Deutschland wäre daher eine WAZ-Beteiligung eine Gefahr.

Trotz aller SPD-Nähe kann von einem medialen Linksruck jedoch keine Rede sind. Denn die Politik spielt bei der WAZ nur eine Nebenrolle. Die Zeitungsgruppe hat sowohl konservative als auch sozialdemokratische Blätter im Portfolio. Hauptsache mit den Blättern wird ordentlich Geld verdient. Zudem kennen die Gesellschafter keine politischen Berührungsängste. So gab es auf der einen Seite für die CDU unter dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl großzügige Spenden. Auf der anderen Seite erhielt Gerhard Schröders erster Kanzleramtsminister Bodo Hombach vor ein paar Monaten den WAZSteuerhebel in die Hand gedrückt. Kaum im Amt will der gelernte Fernmeldetechniker mit dem Einstieg bei Springer seinen ersten Coup landen.

An Munition, um Springer zu erlegen, fehlt es in Essen nicht. Die Kassen sind gut gefüllt. Doch die Ruhrpottmanager waren schon öfters auf Safari, ohne Beute nach Hause zu bringen. So scheiterte der erste Versuch, bei der insolventen Kirch Media einzusteigen, noch an der Vorsicht und Uneinigkeit der Gesellschafter. Doch das Jagdfieber steigt.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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