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Springer träumt von junger Boulevardzeitung

Die großen Internet-Träume sind ausgeräumt. Jetzt setzt das Verlagshaus wieder auf die eigene alte Stärken - das Zeitungsmachen. Ein neues Boulevardblatt soll junge Leute ködern.

Mit großen Multimedia-Visionen ist heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Das weiß der designierte Springer-Chef Mathias Döpfner nur zu gut. Statt großartige Internetpläne zu starten, macht der ehemalige Chefredakteur der "Welt" derzeit lieber Kasse. Die Anteile an Sport 1, dem größten Sport-Internetportal in Deutschland, wurden nun an den ungeliebten Partner Leo Kirch verkauft - offenbar zu einem guten Preis. Wie hoch die Überweisung ausfällt, darüber schweigen sich beide Seiten aus. Springer-Kreise sprechen aber von einer "attraktiven Rendite". Statt das Geld in neue Online-Abenteuer zu stecken, konzentriert sich der künftige Vorstandsvorsitzende lieber auf eine neue Zeitung. In der nächste Woche startet "Extra Rhein-Neckar" im Städtedreieck Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg.

Das Konzept ist einfach, der Vertrieb simpel und die Investitionen niedrig. In einer Auflage von 50 000 soll das 24 Seiten starke Blatt zum Preis von 50 Pfennig erscheinen. Die redaktionelle Verantwortung trägt die kleine Redaktionsmannschaft des ehemaligen Gratisblattes "Extra Köln". Die Sieger des "Zeitungskrieges" am Rhein haben schon damals bewiesen, wie geschickt und preiswert sie eine Boulevardzeitung für ein städtisches Publikum herstellen können. Auch der Vertrieb ist preisgünstig. Hier greift Springer auf die Logistik von "Bild" zurück.

Von einer echten Zeitungsneugründung will im größten Verlagshaus Europas noch niemand sprechen. Angesichts der eher nüchternen Aussichten der Zeitungsbranche übt sich die Mannschaft um Döpfner in Bescheidenheit. Im Ballungsraum Rhein-Neckar realisiere man nur einen Marktest für einige Wochen - mehr nicht. Doch sollte der Versuch klappen, will der Printkonzern den bundesdeutschen Markt aufrollen. Die Zielgruppe heißt 15 bis 35 Jahren. Und solche Leser wünschen sich Anzeigenkunden. Konkurrenz durch die starken Regionalzeitungen mit eher älteren Lesern erwartet der Konzern nicht. Selbst die Regionalausgaben der "Bild" würden keine Konkurrenz sein, versprechen die Verlagsstrategen. Ob es tatsächlich keine Kannibalisierungseffekte gibt, muss jedoch erst die Testphase beweisen.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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