Spurensuche
Identifizierung der Terroropfer kann Monate dauern

Aus den Trümmerbergen des zerstörten World Trade Centers werden derzeit rund 400 Leichenteile pro Tag geborgen. Die Gerichtsmediziner haben die grausige Aufgabe, diese Objekte zu identifizieren.

ap NEW YORK. Für die Angehörigen der Vermissten wäre es in ihrem Schmerz zumindest ein Trost, wenn sie irgendwelche sterblichen Überreste ihrer Lieben hätten, die sie beisetzen könnten. Sie klammern sich deshalb an die Hoffnung, dass die Bergungskräfte Reste der Toten finden und die Fachleute sie identifizieren können. Einer dieser Angehörigen ist James Deblase, dessen Sohn vermisst wird. "Meine Frau will wissen, wie er gestorben ist. Hat er leiden müssen? Wurde er zerquetscht? Ist er gefallen? Ich selbst hoffe nur, dass er nicht leiden musste", sagte Deblase. Robert Shaler, Gerichtsmediziner der Stadt New York, erklärte, sein Büro warte noch auf spezielle Computerprogramme der Bundespolizei FBI, bevor man mit den DNS-Tests an den Tausenden von Leichenteilen beginnen könne. Das könne aber noch bis Ende nächster Woche dauern.

Eine Million Leichenteile

Die Pathologen sammeln unterdessen bereits Fingerabdrücke, Röntgenaufnahmen und zahnmedizinische Aufzeichnungen über die Vermissten, um die Opfer schneller und besser identifizieren zu können. Eine weitere Verzögerung ergibt sich aus dem Umstand, dass die Trümmerberge mit Rücksicht auf eventuelle Überlebende oder Spuren der Attentäter nur ganz langsam und sorgfältig durchsucht werden. Wenn der Schwerpunkt sich erst einmal von Rettungs- zu reinen Bergungsarbeiten verlagere, werde sich die Zahl der Leichenteile, die jeden Tag zur Identifizierung eintreffen, verdoppeln und verdreifachen, schätzt Shaler. Sein Büro rechnet mit insgesamt eine Million Leichenteile, die untersucht werden müssen.

Bislang wurden 218 Leichen geborgen und 152 Opfer identifiziert. 5 422 Menschen werden noch vermisst. Unter den Todesopfern sind vermutlich auch bis zu 100 Deutsche. Die New Yorker Gerichtsmediziner haben das hoch gesteckte Ziel, jedes einzelne geborgene Leichenteil zu identifizieren. Dass soll geschehen, indem Gegenstände der Vermissten, etwa Zahnbürsten oder Kämme, auf DNS-Spuren hin untersucht und mit den Leichenteilen verglichen werden. Wo dies nicht möglich ist, werden enge Verwandte um DNS-Test gebeten, um Ähnlichkeiten mit den Opfern festzustellen.

"Das wird das gesamte System ins Stocken bringen"

Dieser Prozess könnte ein Jahr oder noch länger dauern, erklärt Mitch Holland, Vizepräsident der Bode Technology Group, einem Genanalyse-Labor in Springfield. Skeptisch beurteilt er die Absicht der New Yorker Behörden, das gesamte aus den Trümmern geborgene biologische Material zu testen. «Das wird das gesamte System ins Stocken bringen», warnt Holland. "Wir empfehlen, mit dem anatomisch erkennbaren Material zu beginnen mit dem Ziel, jeden Vermissten zu identifizieren." Danach könnten die kleineren Teile getestet werden, um sie zusammen mit den größeren an die Angehörigen zurückzugeben. Die DNS-Spurensuche soll in den Laboratorien der Firmen Celera und Myriad Genetics vor sich gehen. Beide Unternehmen haben sich in Zusammenhang mit verschiedenen Genforschungsprojekten einen Namen gemacht. Carlos Salas, der seinen Vater bei den Terroranschlägen am 11. September verloren hat, weiß um den Trost, den die grausige Arbeit der DNS-Tester den Angehörigen bringen kann. Sein Vater wurde bereits identifiziert und konnte am Montag zur letzten Ruhe gebettet werden. "Ich habe zumindest einen Trost. Viele Leute haben nicht einmal das."

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