St. Moritz zelebriert die etwas andere Ski-Weltmeisterschaft und fühlt sich gut dabei
Reich an Champagner

Die Ski-WM in St. Moritz soll alles sein, nur keine Massenveranstaltung. So jedenfalls sieht es die Kurdirektion, die stets darüber wacht, dass das Fußvolk nicht herbeieilt.

ST. MORITZ. Unten ruht der zugefrorene See, still und starr. Der Schnee rieselt leise. Dann geht es hoch nach St.-Moritz-Dorf. Rechts ein Ermene- gildo-Zegna-Laden, links das Haus des Jägers. Weiter Richtung Kreisverkehr, und siehe da, die ersten Menschen. Versprengte Après-Ski-Fans vorm Hotel Hauser. Eine Hand voll, mehr nicht. Musik der Marke hochalpine Gassenhauer läuft, doch keiner grölt mit. Gut so, und doch irgendwie merkwürdig.

Der Ort der Ski-Weltmeisterschaft ist abends um halb elf so ruhig wie ein Almöhi, der vor der Hütte eingenickert ist. Und genauso soll es sein. "Wir wollen keine Ballermann-Atmosphäre, keinen Rambazamba", sagt Kurdirektor Hanspeter Danuser. "Das passt nicht zu St. Moritz, auch nicht während der WM." Ausfallerscheinungen jedweder Art, verursacht durch die in Skigebieten üblichen Alkohol-Abfüllanlagen, mag der 55-Jährige nicht. Trotz Biersponsor Carlsberg, so Danuser, "ordern unsere Gäste im Zweifelsfall Champagner". In Maßen natürlich.

Dabei wird der Cüpli, so die Niedlichkeitsform, oft schon zum Frühstück angeboten. Anschließend stellt manche Bar die leeren Flaschen vor dem Eingang als Trophäe aus. Gänzlich frei von mallorquinischen Einflüssen scheint auch der Ort mit dem Untertitel "Top of the World" nicht zu sein, auch wenn es nicht um Sangria geht.

Bescheidenheit ist eben nicht die Sache der 5 000 Einwohner von St. Moritz. Der Kurdirektor weiß, dass er zu den bestbezahlten seiner Zunft gehört: "Es dürfte nicht viele geben, die mehr verdienen." Wie viele Millionäre das mondäne, dekadente und darauf so stolze Bergdorf im Laufe der Jahre hervorgebracht hat, sagt Danuser nicht. Nur so viel: "Bei uns gibt es keine Erbschaftssteuer." Dafür weiß er bestens über die Immobilienpreise Bescheid. "Bis zu 30 000 Fränkli kann der Quadratmeter in einer Ferienwohnung schon kosten." Kurzum: Die Preise sind so hoch wie die Berge.

Was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass sich das Fußvolk nicht nach St. Moritz verirrt. Darauf legt man Wert, schon seit mehr als einem Jahrhundert. Und auch in diesen WM-Tagen, an denen viele Zuschauer über die Eintrittspreise mosern. Mehr als 50 Franken kostete ein Stehplatz inklusive schlechter Sicht bei der Eröffnungsfeier am vergangenen Samstag. Manche freilich erhielten zur großen Überraschung für den gleichen Preis Haupttribünenplätze, weil die Organisatoren allzu üppige Löcher auf den Rängen verhindern wollten.

Ganz ohne Fans geht es schließlich nicht. "Ein paar Tausend brauchen wir schon, damit Stimmung aufkommt", ahnt Danuser, ein früherer Nestlé-Marketingmann. Die Preisgestaltung findet er "ganz normal". Denn: "Wir sind der weltweit letzte Hort des Individualtourismus, zumindest in den Bergen. Und das zelebrieren wir auch." Selbst Ansätze von einem "Massengefühl", betont der Kurdirektor, gilt es zu verhindern. Dabei lächelt er gutmütig.

Neue Luxushotels sind stets willkommen, Pelzträger auch. Dass in 2 486 Metern Höhe auf der Corviglia vorm "Mathis Food Affairs" eine Yacht platziert wurde, passt zum Image. Anders als der blöde McDonald?s, den man nicht verhindern konnte. Dass Stararchitekt Lord Norman Foster hier baut, ist dagegen wunderbar. Und was ist mit Roger Moore, der der Schneezuflucht angeblich den Rücken gekehrt hat? Alles Quatsch, meint Danuser: "Der war doch noch nie hier."

Sei?s drum. Dem Kurdirektor mangelt es jedenfalls nicht an Selbstbewusstsein, ganz und gar nicht. Dass Teil eins des traditionellen Pferderennens "White Turf" am nächsten Samstag zeitgleich mit der Damenabfahrt stattfindet, na und? "Der Skiweltverband ist hier zu Gast, er kommt nur alle 20 Jahre. Das Pferderennen auf dem See gibt es schon seit 100 Jahren."

Okay, die Ski-Weltmeisterschaft sei schon eine "große Kiste". Aber mehr auch nicht. Für das "hedonistische St. Moritz", meint Danuser, sei es immer mal wieder wichtig, Flagge zu zeigen in der "Kernkompetenz" des alpinen Skifahrens. So alle zehn oder 20 Jahre, um die Infrastruktur zu erneuern. Zudem sei der Werbeeffekt durch die WM selbst für St. Moritz nicht unwichtig. "Schließlich betreiben auch Mercedes und Rolex weiter Werbung, obwohl sie erfolgreich sind."

Die WM ist also okay, der Weltwirtschaftsgipfel im benachbarten Davos eher weniger. Den wolle er nie haben, sagt Danuser, "das wäre ein Alptraum für mich." Er bevorzuge die sportlichen Bilder, die in alle Welt gesendet werden. "In Davos dagegen sehen sie Demonstranten, Stacheldraht, Maschinengewehre. Das hat nichts mit Ferien zu tun, die Weltprobleme gehören nicht hierher." Das gute alte St. Moritz könne leider nichts beitragen, wenn es um "Terror, Krieg, Aids oder Überbevölkerung" geht.

Lieber verweist man hier auf seine grüne Ader, denn während der WM wird der ganze Ort mit "Ökostrom" versorgt. Ein Lieblingsthema Danusers. Anders als die Kritik des Schweizer "Tagesanzeigers". Der schrieb, dass der WM-Berg die "Unschuld verloren" habe, weil man den Start der Herrenabfahrt "in den Fels gerammt" habe. Dazu der Kurdirektor: "Es wurde etwas Geröll zur Seite getan. Ich finde, der Berg wurde eher gestreichelt."

Die Superreichen wollen sich mit derlei eh nicht rumschlagen. Sie wollen ihre Ruhe haben. Danuser erzählt: "Beim Gucci sind vor Jahren mal Skifahrer durch den Garten gefahren. Da hat er mich schön zusammengestaucht. Später tat es ihm Leid, er hat mir eine Krawatte geschenkt." Schön für Danuser, der gern vom "ständigen Spagat" erzählt, den sein Job erfordere. "Auch an das Personal aus Kalabrien muss man denken. Für diese Leute sind die Hotels wie große Dampfer."

Der Ort wäre dann der Ozean. Randvoll mit Fränkli. Hanspeter Danuser formuliert es so: "Wenn man eine Lage hat wie St. Moritz und nicht eine Menge Geld verdient, muss man ziemlich blöd sein."

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