Staatsanleihen entwickeln sich besser als Unternehmensbonds
Die Angst treibt Anleger in Anleihen

Investoren greifen angesichts der Schwäche an den Aktienmärkten zu Staatsanleihen aus Europa und den USA. Sollten sich die Aktienmärkte jedoch wieder deutlicher erholen, rechnen Experten mit Verlusten bei Staatsbonds. Schon jetzt geben festverzinsliche Staatspapiere bei anziehenden Aktienkursen nach.

FRANKFURT/M. Die Flucht in die Qualität ist derzeit das beherrschende Thema an den Anleihemärkten. Dabei profitieren die Kurse der festverzinslichen Wertpapiere in Europa und den USA von den Aktienmärkten. Das gilt vor allem für sicher eingestufte Staatsanleihen. Dort werden allerdings - anders als bei Aktien - schon Bewegungen um wenige Prozentpunkte als extrem angesehen. Viele Unternehmensanleihen leiden dagegen unter der Schwäche der Aktienmärkte, wenn der von Merrill Lynch berechnete Gesamtindex für europäische Unternehmensanleihen auch leicht stieg. "Risikoaversion" ist das Schlagwort, mit dem Kredit-Analysten derzeit am häufigsten das Verhalten der Anleger erklären.

Als Kredit-Produkte werden dabei im Bondsektor Anleihen bezeichnen, die einen Risikoaufschlag gegenüber Staatsanleihen bieten, also Unternehmensanleihen, Pfandbriefe oder Anleihen aus Schwellenländern. Letztere leiden zum großen Teil noch unter den Nachwehen der Argentinien-Krise, Sorgen um das politische System in der Türkei und der Angst vor der Zahlungsunfähigkeit Brasiliens.

Dagegen fielen die Renditen der zehnjährigen Anleihen etwa aus Deutschland, Spanien, Großbritannien und Italien in der vergangenen Woche zeitweise auf Jahrestiefstände. Die für Europa richtungweisende zehnjährige Bundesanleihe - ihre Rendite liegt wegen ihrer hohen Liquidität und dem gut funktionierenden Termingeschäft traditionell unter der anderer europäischer Staatsanleihen mit gleicher Laufzeit - fiel am Mittwoch auf ein Jahrestief von 4,73 %. In den USA haben sich die Staatsanleihen in den vergangenen Monaten noch besser entwickelt, ihre Renditen liegen unter denen der europäischen Papiere.

Renditen steigen wieder

Viele Analysten glauben jedoch, dass sich die Renditen der Staatsanleihen nicht mehr lange auf diesen niedrigen Niveaus halten werden. So stiegen sie schon wieder, als die Aktienmärkte nach den herben Einbrüchen auf Erholungskurs gingen. Die Rentenanalysten von Commerzbank Securities bezeichnen Staatsanleihen schon lange als "den Notnagel der Anlagestrategie", sprich: Bei der schlechten Entwicklung von Aktien und Unternehmensanleihen bleibt Investoren nicht viel anderes übrig, als in sichere Staatsanleihen zu investieren.

Auch Klaus Holschuh, Leiter des Renten-Researchs der DZ-Bank, meint, dass die Anleihemärkte derzeit "im Großen und Ganzen von der Risikoaversion getrieben werden". Lange sollte diese aber nicht mehr anhalten. Das Zinsniveau passe nicht zum Konjunkturszenario. So signalisierten unter anderem Auftragseingänge und Kapazitätsauslastung der US-Unternehmen sowie das Vertrauen der US-Verbraucher, dass sich die US-Wirtschaft in einer Erholungsphase befinde. Alan Greenspan, Chef der US-Notenbank, hatte sich in seiner jüngsten Rede vor dem Kongress ähnlich geäußert. Sollte sich die Konjunktur erholen, erwarten Experten, dass Investoren Staatsanleihen wieder verkaufen werden.

Ob es dazu kommt, ist für Omar Selim, Leiter des Geschäfts mit festverzinslichen Wertpapieren bei Credit Suisse First Boston (CSFB) in Deutschland, "eine Glaubensfrage". Einen Double-Dip in den USA, also ein weiteres Abgleiten der Wirtschaft in eine Rezesision nach kurzer Erholung, erwartet CSFB nicht. Die Grundstimmung sei allerdings noch pessimistisch, meint Selim. Wenn die Aktienmärkte im Zuge einer Konjunkturerholung wieder anziehen, sollte das auch den Unternehmensanleihen helfen.

Telekombonds haben sich erholt

Positive Beispiele für die Entwicklung von Unternehmensbonds gibt es jetzt schon. So haben Telekomanleihen in diesem Monat bislang einen Gesamtertrag - also Kurs- und Zinsgewinne zusammengefasst - von 1,8 % gebracht. Nach dem Schock um den Bilanzskandal von Worldcom Ende Juni haben sich Telekombonds damit deutlich erholt.

Mit Anleihen von Banken und Versicherern ließ sich dagegen gemäß den Indizes von Merrill Lynch ein Gesamtertrag von nur 1,3 % erzielen. Dabei wird die Branche mit einem Durchschnittsrating von A+ von den Ratingagenturen als vergleichsweise sichere Investition eingestuft. Doch der Druck auf die Aktien aus der Finanzbranche belastete vor allem in der vergangenen Woche die deutschen Banken- und Versicherungsanleihen deutlich. Sehr schlecht entwickelten sich auch die Anleihen von Telekomausrüstern. Alcatel aus Frankreich und Ericsson aus Schweden werden aber bald nicht mehr in den Indizes für als Investitionsklasse eingestufte Unternehmensbonds enthalten sein, nachdem die Ratingagentur Moody?s die Bonitätseinstufung der Unternehmen in den Bereich der Spekulationsklasse senkte.

Als Investitionsklasse eingestufte Unternehmen bringen nach Indizes von Reuters derzeit im Schnitt 1,7 Prozentpunkte mehr Renditen als Staatsanleihen. Viele Experten halten dieses Niveau zum Einstieg für attraktiv.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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