Staatsanwalt gegen Staatsanwalt
Hintergrund: Essers Jäger wird zum Gejagten

Hat sich Generalstaatsanwalt Lothar Sent zu eng mit der Presse eingelassen? Seine Absicht, gegen Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser strafrechtlich zu ermitteln, soll er vorab dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" gesteckt haben. Jetzt droht dem "General" selbst ein Ermittlungsverfahren wegen Geheimnisverrats.

DÜSSELDORF. Mindestens eine undichte Stelle musste es geben. Immer wieder sickerten brisante Informationen aus der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft an die Öffentlichkeit. Zum Beispiel wortgetreue Zitate aus der Verfügung, ein Ermittlungsverfahren gegen den ehemaligen Mannesmann-Chef Klaus Esser und andere Manager zu eröffnen. Zum Beispiel, dass Hausdurchsuchungen bei den Beschuldigten geplant sind. Zum Beispiel, dass das Landeskriminalamt eine Sonderkommission in Sachen Esser gründet.

Am 25. Oktober 2001 lässt Düsseldorfs Generalstaatsanwalt Lothar Sent ein Ermittlungsverfahren eröffnen - gegen unbekannt wegen Verletzung des Dienstgeheimnisses, Aktenzeichen Js 521/01. Drei Wochen später liefern die ermittelnden Staatsanwälte ihr Ergebnis: Der Herr Generalstaatsanwalt höchstpersönlich hat mit Redakteuren des "Spiegel" konferiert und ihnen verraten, dass er ein Verfahren gegen Esser & Co. eröffnen will - während ein Sent-Sprecher noch behauptet, die Entscheidung stehe nicht fest und Esser selbst auch nichts wusste, zumindest nicht aus offiziellen Quellen.

Hat der Generalstaatsanwalt ein Dienstgeheimnis ausgeplaudert? Instrumentalisierte er die Medien? Machte er sich selbst strafbar? Fakt ist: Die Kölner Generalstaatsanwaltschaft prüft den Fall. Und Fakt ist auch: Sent hat sich angreifbar gemacht und bekommt damit selbst eine Schlüsselrolle in einer Geschichte, die ohnehin schon das Zeug zu einem Wirtschaftskrimi ohne gleichen hat.

Es geht um Geld, um Macht, um die teuerste Übernahmeschlacht in Deutschlands Wirtschaftsgeschichte. Nach wochenlangem Machtpoker hat der britische Mobilfunkriese Vodafone den Mannesmann-Konzern geschluckt, und ehemalige Manager des Unternehmens, darunter der damalige Chef Klaus Esser, bekamen Millionen aus der Mannesmann-Kasse.

Zwei Stuttgarter Rechtsanwälte stellten Strafanzeige gegen Esser - zunächst erfolglos: Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf sah keine Anhaltspunkte für Untreue oder gar Käuflichkeit der Ex-Mannesmann-Manager. Doch "General" Sent sah das offenbar anders. Am 12. März 2001 wies er die Staatsanwaltschaft Düsseldorf an, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten.

Doch die wusste schon Bescheid, ebenso Esser und seine Anwälte - zwei Tage zuvor hatte das Nachrichtenmagazin "Spiegel" in seiner Online-Ausgabe exklusiv über die Weisung berichtet. Wie die Meldung zu Stande kam, erfuhren die Ermittler der Staatsanwaltschaft Mönchengladbach, die nach dem Leck fahndeten, etwa ein halbes Jahr später - von einem Düsseldorfer Oberstaatsanwalt: Am 6. März habe ein Gespräch mit zwei "Spiegel"-Reportern stattgefunden - in Sents Dienstzimmer. Sent habe die Frage der Journalisten, ob er ein Ermittlungsverfahren gegen Esser verfügen werde, mit einem klaren Ja beantwortet, sagte der Zeuge aus. Dass die Formulierungen, die der "Spiegel" aus dem Entwurf von Sents Anordnung zitierte, auch in dem Gespräch fielen, hielt er gegenüber den Vernehmern nicht für unmöglich.

Damit rückte Sent selbst in den Mittelpunkt der Ermittlungen, und die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach stellte eiligst das Verfahren ein - sonst hätte sie gegen ihren Vorgesetzten ermitteln müssen. Mit einer Beschwerde brachte Essers Verteidiger die Angelegenheit zur Generalstaatsanwaltschaft Köln. Sie muss jetzt entscheiden, ob der Strafverfolger Sent selbst zum Verfolgten wird.

Als Sent am 6. März 2001 die Herren vom "Spiegel" in sein Dienstzimmer bat, war er gerade neun Wochen im Amt. Seinem Vorgänger Walter Selter waren die rechtswidrigen Durchsuchungen bei dem CDU-Bundestagsabgeordneten Ronald Pofalla zum Verhängnis geworden. Der Verdacht bei dieser missglückten Aktion: Steuerhinterziehung. Schlechte Presse konnte sich Sent daher nicht leisten.

Kurz nach der Spiegel-Veröffentlichung im März erklärt ein Sent-Mitarbeiter Essers Rechtsanwalt Sven Thomas das Ganze dann auch so: Der Staatsanwaltschaft sei nichts anderes übrig geblieben, als ein Verfahren zu eröffnen, alles andere wäre der Öffentlichkeit nicht zu vermitteln gewesen. Dies sei die Botschaft gewesen, erzählt Thomas.

Und Ende März bittet der leitende Oberstaatsanwalt in einem Brief an das Landeskriminalamt um Hilfe - mit der Begründung, dass "die strafrechtliche Bewertung der bisher größten und spektakulärsten Firmenübernahme ein außerordentlich breites Interesse in der überregionalen Presse als auch in Rundfunk und Fernsehen findet".

In einer Besprechung am 12. Juli 2002 zwischen den Staatsanwälten Johannes Puls und Lothar Schroeter und den Rechtsanwälten der Ex-Mannesmann-Aufsichtsräte Joachim Funk und Josef Ackermann nahmen die Ermittler kein Blatt vor den Mund: Das Verfahren "passe" so richtig in die "globale Diskussion" um die Angemessenheit von Management-Vergütungen, hieß es da. "Mit Sicherheit" werde das Verfahren "mit einem Scherbengericht" über die "Führungsqualität der deutschen Wirtschaft" enden.

Für Sven Thomas, Essers Rechtsanwalt, ist eindeutig: "Dass ein Generalstaatsanwalt Ermittlungen gegen sich selbst betreiben lässt, ohne zu offenbaren, dass er selbst der Informant war, das ist unfassbar - eine moderne Version der Kleistschen Komödie ,Der zerbrochene Krug?, wo Dorfrichter Adam gegen sich selbst ermitteln muss."

Sent selbst will nach Auskunft seines Sprechers Heiko Manteuffel zu den Vorwürfen gar nichts sagen - solange die Kölner Kollegen die Sache prüfen. Aus seiner persönlichen Auffassung macht Manteuffel aber keinen Hehl: "Nichts ist abstruser" als der Vorwurf des Geheimnisverrats, erregt sich der Oberstaatsanwalt. Denn eine solche Tat könne der Generalstaatsanwalt als "Geheimnishüter" gar nicht begehen - denn der "General" als Behördenleiter bestimme selbst, was geheim ist.

Dass Sent aber seine Weisungsverfügung durchaus selbst als vertraulich einstufte, liegt aus Sicht von Rechtsanwalt Thomas auf der Hand: Immerhin hatte er als Essers Rechtsvertreter selbst erst nach wochenlangem Intervenieren Zugang zu dem heiklen Schriftstück erhalten.

In "zwei bis vier Wochen" will der Kölner Generalstaatsanwalt eine Entscheidung fällen, kündigte ein Sprecher an. Kölner "General" ist seit dem 1. August Georg Linden, und der ist mit dem Fall Sent bereits seit längerem vertraut. Linden, der als äußerst korrekter Jurist bekannt ist, leitete die Abteilung Strafrechtspflege im Düsseldorfer Justizministerium - eben jene Abteilung, die über Essers Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Sent zu befinden hatte.

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